HÖRST DU MICH?

 

Hörst du mich? Hallo? Ich geh mal woanders hin, in meiner Wohnung gibt’s nur wenige gute Punkte. Am bestens ist es noch vorne beim Fenster. Ja, hier muss es gehen. Sorry, ich muss einfach mit jemanden reden. Puh, das war eine Nacht und ein Morgen. Aber irgendwie muss ich mit dem Traum anfangen, keine Ahnung, warum mich der so gepackt hat. Ich zieh da in eine neue Wohnung, ziemlich groß, mit noch zwei Freunden, die ich im Traum schon kenne, aber irgendwie auch nicht, und die sind zwar da, aber immer in anderen Räumen. Ich bin so alt wie jetzt, also keine Jugend-WG, und will mich einrichten, und was ich gar nicht packe ist, dass es in der Wohnung so ausschaut, dass in allen Räumen Sachen am Boden verstreut sind, wobei ich nicht sagen kann, worum es sich dabei handelt, aber kein Müll oder Dreck oder so, einfach unzählige Dinge, verstreut, praktisch flächendeckend, die wahrscheinlich alle in Schränke und Regale gehören, aber die fehlen, die Wände sind alle leer, irgendwie keine Möbel und ich geh da durch und schau immer, dass ich nirgends draufsteige, so vollgeräumt ist alles, jedes Zimmer. Ich habe auch immer das Gefühl, dass ich in allen Räumen gleichzeitig bin oder alle Räume gleichzeitig sehe, was ja nicht sein kann, auch wenn sie die riesigen zweiflügeligen Türen der alten Häuser haben, aber das Chaos wird dadurch noch mächtiger und trotz dieser Unordnung betrete ich mein Zimmer, in dem es auch nicht anders ausschaut, aber es ist ein großes Zimmer mit Balkon, den ich brauche, weil ich gerne draußen arbeite, und ich spüre, wie glücklich ich mit diesem Zimmer bin, und dann steht ein junges Paar im nächsten Raum, so in meinem Alter, die ich nicht kenne, und die zuerst auch nicht da waren, und irgendwer sagt, dass es die Neuen sind, die auch einziehen, und die bekommen das Zimmer hier, in dem ich stehe und schon kommen sie rein, und ich denke das kann jetzt nicht sein, von denen habe ich bis jetzt nichts gewusst und nun sollen die mein Zimmer bekommen? Aber das war so nicht ausgemacht, sage ich. Und mit einem Mal bekomme ich ein unangenehmes Gefühl, aber nicht wegen dem Zimmer, sondern wegen meinem Laptop, den ich vor den Neuen in Sicherheit bringen muss, aber ich weiß nicht mehr, wo ich den hingegeben habe und fange zu suchen an, zuerst in meinem Zimmer und dann in der ganzen Wohnung, und in diesem Saustall verliere ich sofort den Überblick, und ich frage die anderen, aber keiner hat ihn gesehen, und meine Panik steigert sich immer mehr, und wieder das Gefühl, dass ich alle Räume gleichzeitig sehe, aber nirgends meinen Laptop.

Dann wache ich auf. Ich bin durch den Traum dermaßen aufgewühlt, dass ich aufstehe und in mein Arbeitszimmer gehe, um zu schauen, ob mein Laptop da ist. Ich dreh die Tischlampe an, und bekomme einen Schrecken, weil ich den Laptop im ersten Moment nicht sehe, es liegen Papiere drauf, die ich gleich wegnehme. Ich setze mich und klappe ihn auf, weil ich das Gefühl habe, überprüfen zu müssen, ob es auch mein Laptop ist. Das klingt völlig absurd, ich tippe den Code ein, der aber nicht funktioniert, und mein Puls legt an Tempo zu, du hast dich bloß vertippt, sag ich mir und gebe ihn nochmals ein und dann taucht auch schon mein Desktop auf und erleichtert lehne ich mich zurück. Ich schau auf die Zeit: 04:36. Da kann ich noch zwei Stunden schlafen, denke ich.

Ich spüre einen Harndrang und setz mich aufs Klo.

Als ich zurückkomme, um den Laptop herunterzufahren, sehe ich den Rollbalken einer Mailnachricht von unserer Gruppe. Ich klicke drauf und die Mail öffnet sich.

Ich muss das Mail zwei Mal lesen, weil ich‘s zuerst nicht kapiere:

Die Videokonferenz um 09:00 ist abgesagt.

Das gibts doch nicht, denk ich mir, und schreib zurück:

Drei Monate Bemühungen, dass sie zustande kommt, und jetzt ist sie abgesagt?

WARUM?

Und dann fällt mir ein, um halb fünf am Morgen schreibt mir eh keiner zurück und will ausschalten, da kommt die Antwort:

Dazu kann ich dir derzeit nichts sagen.

Keine Begründung? Wochenlang Mails mit den Vertreterinnen der anderen Gruppen, die sich endlich beteiligen wollen und jetzt das?

Und dann denke ich mir, wer antwortet mir um diese Uhrzeit? Auch jemand mit schlechten Träumen? Unsere Mailadressen beinhalten keine Namen, und ich merke mir die Unterschiede nicht, und ich schreibe zurück:

Wer ist um die Zeit noch wach?

 Ich. Aber ich gehe jetzt ins Bett.

Was ist das für eine Spaßantwort, denke ich mir.

Und wer ist „ich“?

Ich warte. Keine Antwort. Vielleicht hat die Person gleich ausgeschaltet, denke ich. Die Zeit zeigt 04:44.

Ich schalte aus.

Irgendwie fühle ich mich immer noch aufgewühlt. Ich hol mir ein Glas Wasser, dann schaue ich aus dem Fenster auf die anderen Häuser. Vereinzelt brennen in Wohnungen schon Lichter.

Ich lege mich wieder ins Bett und merke sofort, dass ich nicht mehr einschlafen kann. Also steh ich wieder auf und mache mir einen Kaffee. Wird sicher ein harter Tag, denke ich mir, mit dieser geplatzten Videokonferenz.

Zwischenzeitlich fahre ich den Laptop wieder hoch und schau in die Mails: Nichts.

Der Kaffee brodelt, ich gieße ein und verbrenn mir fast die Zunge. Plötzlich merke ich, dass ich wie ein Tier im Käfig in der Wohnung auf- und ablaufe. Wie lange mach ich das jetzt schon?, denke ich mir, schau auf die Uhr: 06:36. Ich dreh das Handy auf und schau in die Apps. Keine Nachrichten. Plötzlich wieder Bilder aus dem Traum, wie ich nach dem Laptop suche zwischen all den Sachen am Boden, in einer unbekannten Wohnung, in die ich einziehen sollte und ich versuche mir die Gesichter der Leute in Erinnerung zu rufen, die bereits da waren und die der zwei Neuen. Als wäre das jetzt plötzlich wichtig. Aber sie bleiben völlig indifferent, unklar, verschwommen, gerade dass ich die Geschlechter unterscheiden kann. Werd‘ jetzt bloß nicht verrückt, denke ich mir. Das war schließlich bloß ein Traum. Vielleicht sollte ich rausgehen, Brötchen holen zur Ablenkung. Zieh mir einen Mantel über den Pyjama und stehe dann vor der Wohnungstür und irgendwas blockiert mich rauszugehen. Schließlich hole ich zumindest die Zeitung aus dem Briefkasten.

Ich setze mich wieder zum Laptop und schreibe an die ganze Gruppe, und was kommt dann x-Mal zurück:

Dazu kann ich dir derzeit nichts sagen.

Die gleiche Nachricht von der ganzen Gruppe? Ich merke, wie mich das aufwühlt. Ich prüfe über den Hack-Check meine Mailadresse. Aber offensichtlich ist alles in Ordnung.

Werde ich schon paranoid?

Ich rufe Oana aus der Gruppe an, lass es läuten. Niemand hebt ab. Als sich die Box einschaltet, lege ich wieder auf. Rufe aber gleich wieder an. Läuten. Box. …Oana? Hier Mara, … ruf mich zurück!

Einige Zeit sitze ich still da und starre den Laptop an, und da habe ich mit einem Mal das Gefühl, dass der zurückstarrt, dass er mich ansieht, der ganze Bildschirm schaut mich an.

Mein Handy piept und ich erschrecke dermaßen, dass ich zusammenfahre, bloß wegen einer WhatsApp-Nachricht, die ich mit fahrigen Händen öffne:

Die Videokonferenz um neun ist abgesagt.

Ich spüre, wie mein Herz zu rasen anfängt. Ich versuche mich zu beruhigen, atme durch und schreibe, wobei ich mich zick mal vertippe.

Was ist da los bei euch?

Und dann kommt unmittelbar zurück:

Dazu kann ich dir derzeit nichts sagen.

Ich starre die Worte an. Die gleichen wie im Mail. Was ist da im Gange?, denke ich. Ich steh auf, muss mich bewegen, um meine innere Spannung los zu werden, tigere durch die Wohnung und versuche das alles zusammenzusetzen, finde aber keinen klaren Gedanken, weil das alles keinen Sinn ergibt.

 

Jetzt, am Fenster, schaue ich runter auf die Straße, wo die Leute ihre Hunde zum Scheißen ausführen, und ich denke, es ist doch alles so wie immer und gleichzeitig habe ich so ein Gefühl, …

Ich muss jetzt einen normalen Menschen sehen, hast du Zeit, so um zehn, Café Stern? Ginge das?

….

…. Hörst du mich? …

…Hallo! …

Hörst du mich?!

….

 

 

 

 

 

Hörst du mich?