HELMUT WIMMER

Nichts ist von größerer Weite als die leeren Dinge.
Francis Bacon

 


DA UND DORT

 

Das Kind läuft aufwärts gegen die abwärtsfahrende Rolltreppe. Für einen Augenblick heben sich beide Bewegungen gegenseitig auf.


Gering ist der Platz im Haus. Die Großmutter schläft immer öfter im Zimmer der ältesten Tochter. Das Schnarchen der alten Frau lässt die Tochter nicht schlafen. Sie legt sich in der Küche auf die Bank.
Manchmal steht die alte Frau um drei Uhr morgens auf und macht sich eine Eierspeise.
Überhaupt beginnt sie früh am Morgen in der Küche Lärm zu machen und niemand im Haus findet ausreichend Schlaf.


Beim Heben der Weinflasche bleibt ein feuchter Ring auf der Tischplatte. Er überlegt, ob er ihn wegwischen oder als Spur am Tisch lassen soll.


Draußen, auf der Straße, das Durcheinanderrufen heimkehrender Kinder. Ihre Schultaschen wirken zu ihren Körpern überdimensional groß.


Der leere Schrank verströmt den Geruch der früheren Dinge. Seine mitgebrachten Sachen lässt er in der Reisetasche.


In der Badewanne liegen immer ein paar Haare, auch wenn niemand darin gebadet hat.


Eine alte Ansichtskarte steckt zwischen den Tellern in der Kredenz. Vorne eine Schwarzweißfotografie von der New Yorker Freiheitsstatue in der Bucht von Manhattan. Die Rückseite ist nicht beschrieben.


Auf einer Steinplatte in der Wiese liegt ein Hundefötus. Still liegt er da. Sein dünner Körper ist mit einer silbrig glänzenden Haut überzogen. Als spüre das Tier seine Anwesenheit, ringt es mit seinen Beinen auf der Suche nach einer Berührung oder einem Halt. Es ist ein erbärmliches Bild und er hat nicht die Kraft oder den Mut einzugreifen, obwohl er weiß, dass er ihn töten sollte. Eine Katze kommt vorbei und schnuppert gleichgültig an dem Fötus. Nach einer Stunde kommt er nochmals zu der Stelle. Das Tier hat seine Lage ein wenig verändert. Die Bewegungen seiner Beine sind schwächer geworden.


Im Traum sind mir Menschen untergekommen, sagt sie, denen will ich am Tag nicht begegnen.


Sie sagt, er trug immer einen Hut. Im Sommer gegen die Sonne, im Winter gegen die Kälte und die restliche Zeit gegen den Regen.


Früher standen in den Höfen Teppichstangen.


Beim Heben der Kaffeetasse zittert der Großmutter die Hand. Ein wenig schwappt über.


So realistisch geträumt, dass er im Traum dachte, dies müsse ein Traum sein.


Der Lack des dunklen, breiten Holzrahmens des Gemäldes mit Maria und dem Kind hat feine Risse bekommen.


Die Tagesdecke liegt so plan am Ehebett, als hätte man sie seit Jahren nicht mehr weggenommen.

 

Meine Füße werden dicker, sagt sie, besonders der Rechte. Was sie nicht ganz verstehe. Das käme doch vom Herzen. Müsste dann nicht der Linke dicker sein?


Er geht von einem Fenster durch das Haus zum gegenüber liegenden Fenster.


Auf der Schwelle liegt ein Stein, der die Holztür zum Schuppen geschlossen hält.


Die Straßen des Ortes sind die gleichen geblieben. Aber heute sehen sie anders aus.


Hinter dem in der Kirchenbank knienden Jungen singt inbrünstig eine Frau. Der Junge dreht sich zu ihr um und fixiert die Frau so lange, bis ein falscher Ton ihren Gesang zerstört.


Aus einem offenen Fenster der Volksschule gleiten gleichzeitig mehrere Papierflieger. Anschließend tauchen die Köpfe der Kinder am Fenster auf und sie beobachten die Bahnen ihrer selbstgefalteten Flugkörper.


Als er nach Jahren sein altes Zimmer betritt, umfängt ihn der bekannte, noch immer gleiche Geruch.


Das Geäst des Unterholzes kratzt an seinem Kopf. Als sein Körper noch jünger und geschmeidiger war, hatte er im Dickicht der Böschung keine Widerstände zu überwinden.
Zwischen den Ästen hindurch sieht er auf der Straße die Alte langsam vorbeischlurfen. Es fällt ihr immer schwerer die Füße zu heben.
Was ihm damals als unendlicher Wald erschien, ist in Wirklichkeit eine schmale bewachsene Böschung entlang der Dorfstraße. Damals war es eine Schutzzone gegen das Außen.
Wir essen in einer Stunde, ruft sie. Und für einen Moment ist er unsicher, ob er diese ihm vertraute Aufforderung in seinem Inneren gehört oder die Alte ihn gerade wirklich vom Haus her gerufen hat.


In der staubbedeckten Glasvitrine lehnt ein vergessenes Foto. Es zeigt die Szene aus einem Film. Die Farben sind völlig ausgeblichen.
An der Mauer des ehemaligen Kinosaals die spärlichen Reste eines Zirkusplakats. Dort, wo das Plakat die Fläche einnahm, ist auch der Verputz etwas abgebröckelt.


Nicht die Akrobatik der Trapezkünstlerin oder die angsteinflößenden Gefahrenmomente der Attraktion machten bei dem Jungen den bleibenden Eindruck aus, sondern ein Detail ihrer schwarzen Strümpfe. Jenes Kleidungsstück, das bisher unter langen Röcken der Sichtbarkeit des Jungen entzogen war, wurde in schwindelnder Höhe sichtbare Wahrheit. Und das verblüffende Detail befand sich auf der Rückseite der Beine. Die lange Naht erschien ihm als Beschädigung. Sie war für ihn ein Makel, der den Jungen gleichermaßen erstaunte und enttäuschte. Dieser Makel stand einer fantasierten Reinheit im Wege, die aus der Tiefe des noch nicht Benennbaren kam.


Das Kind streitet mit der Mutter. Keiner hat Recht und keiner lässt locker.


Die Tochter hält die Großmutter umarmt. Sie hat ihr vorher geholfen von der Bank aufzustehen.


Neben dem Badezimmerspiegel hängt ein Sack mit Plastiklockenwickler in verschiedenen Farben. Vereinzelt haben sich Haare darin verfangen.


Aus dem Radio erklingt Volksmusik des Regionalsenders. Der Sender rauscht. Er versucht ihn besser einzustellen, aber das Rauschen wird stärker. Die ursprüngliche Position findet er nicht mehr.


Die meiste Zeit liegen ihre gefalteten Hände in ihrem Schoß.

 

Das Kind ist über seine Hausübung gebeugt.
Was heißt das? fragt es.
Das ist das Omega, der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet, sagt er.
Sieht aus wie ein Springseil.


Im Schrank, neben dem fein säuberlich zusammengelegten Bettbezug liegt ein getrocknetes Büschel Lavendel. Es ist mit einem Stoffband zusammengebunden. Die meisten   Blüten    liegen    abgefallen    am  dunklen Holz.
Schlussendlich kann man nichts mitnehmen, sagt sie.


Die Großmutter füllt die Feueröffnung des Küchenherds mit Zeitungspapier und etwas Holz.


Er hält ein vergilbtes altes Notizbuch in der Hand. Nur die zweite Seite ist mit ein paar Worten beschrieben, die er nicht entziffern kann.


Was man im Leben verpasst ist das Leben, sagt die Alte.


Beim Heben der Kaffeetasse zittern der Großmutter die Hände. Jedes Mal schwappt ein wenig mehr über. Trotzdem macht sie die Tasse immer gleich voll. Auf dem Resopal der Tischplatte wirkt der Milchkaffee noch heller.


Sie sitzen am Tisch und alle wissen, dass sie darüber reden sollten. Aber keiner will anfangen.


In der Gastwirtschaft stößt die Kellnerin mit den schmutzigen Tellern auf den Armen die Pendeltür zur Küche auf. Für einen kurzen Moment sieht man den Koch auf der Arbeitsfläche sitzend eine Zigarette rauchen.


So lange schweigen, bis alles von selbst klar ist.


In der Nacht lauscht er dem feinen Trommeln der Regentropfen auf den Dachschindeln und dem Klopfen der windbewegten Äste auf der Fensterscheibe.


Man müsste noch zu Lebzeiten alles über sich selbst loswerden.


Die Wartenden schauen alle zu der Ecke, um die der Bus kommen soll.

Helmut Wimmer 2015