SOMMERHITZE
Von oben glich die Siedlung einem rechtwinkeligen Straßenraster mit quadratischen Flächen. Jede Fläche war in sechs Parzellen aufgeteilt. Hausgrößen, Fensteranordnungen und Dachformen waren einheitlich. Nur in der Farbgebung wurde ein Gestaltungswille der Bewohner*innen sichtbar. Die Siedlung lag etwa 100 Meter von der Bundesstraße entfernt. Je eine Zufahrtsstraße am Anfang und am Ende stellte die Verbindung her. In der Siedlung gab es keine Kirche und kein Gasthaus. Diese waren im alten Ort. Bindeglied zwischen der Siedlung und dem alten Ort war eine Sparfiliale. Dort gab es auch eine kleine Bäckerei mit einem Café, das kaum Gäste hatte. Davor breitete sich ein Parkplatz in der Größe eines halben Fußballfeldes aus. Der Parkplatz war auch an Samstagen nur mit wenigen Autos belegt. An Sonntagen stand manchmal ein verwaister Einkaufswagen herum.
Die Siedlungsgrenze konnte man auf vier geraden Wegen umrunden. Manchmal liefen dort Joggerinnen. Daran schlossen weite Felder an.
Ines hatte den Vorhang einen Spalt aufgezogen, sie blickte auf die Felder. Sogar zu dieser frühen Stunde herrschte draußen eine fast gleißende Helligkeit. Sie blickte zum Außenthermometer in der Fensterlaibung. 27 Grad. Wie bewegliche Schatten verteilten sich die ersten Erntehelfer*innen auf den Feldern. Im Bett hinter ihr hörte sie ein Rascheln. Sie wusste, dass sich Johann auf die lichtabgewandte Seite drehte. Langsam ließ sie die Außenjalousien herunter, das leichte Rattern der Lamellen weckte ihn endgültig.
Sie klopfte in gewohnter Weise an die Tür von Mia, wissend, dass das nicht viel bewirken würde.
Mia hatte die dünne Leinendecke im Schlaf von sich gestrampelt. Mit ausgestreckten Gliedern lag sie am Bauch. Der Pyjama leicht verdreht. Ihr Nackenhaar klebte auf ihrer schweißnassen Haut. Aus der Küche hörte sie das Klappern von Geschirr. Warum musste sie immer so laut sein, dachte Mia.
Ihr Name hallte durch das Haus, schwoll über die Treppe, kroch in ihr Zimmer und nistete sich in Mias Ohr ein. So spät schon, das konnte nicht sein.
Der Schuss ließ ihn zusammenzucken. Sofort jagte der Hund in das Gestrüpp und verschwand darin. Noch immer stand er mit leicht geducktem Kopf da, als würde der Schuss in ihm nachwirken. Dann tauchte der Hund wieder auf, ein Kaninchen zwischen seinen Fängen. Es war ein großer Hund und das Kaninchen wirkte in seinem Maul wie ein Spielzeug. Der Hund ließ das tote Tier vor die Füße des Mannes mit dem Gewehr fallen. Daneben lag ein Fasan.
Leg sie auf den Pick Up, sagte der Mann.
Anton stand noch immer steif da.
Mach schon!
Er bückte sich langsam, nahm das Kaninchen bei den Hinterläufen und versuchte dabei, das Blut am Fell nicht zu berühren. Der um ihn herumtänzelnde Hund irritierte ihn. Schließlich warf er den Tierkörper auf die Ladefläche.
Den Fasan auch, rief der Mann.
Der starre Blick des Vogels empfand der Junge wie eine Anklage. Ein feuchter, roter Fleck war das einzig Widersprüchliche in dem ebenmäßigen Gefieder. Er schob beide Hände unter das Tier, die verbliebene Wärme des toten Körpers empfand er als unangenehm.
Mach schon, steig ein! rief ihm der Mann zu.
Als Anton in den Wagen kletterte, drängte sich der Hund dazwischen.
Ines trieb ihre Tochter an. Beeil dich! Sie schob die Teetasse näher an das Kind heran.
Johann trank den Kaffee im Stehen, blickte zur Küchenuhr und biss vom Brot ab.
Ich kann dich zur Station mitnehmen, schlug Ines vor.
Ja, sonst wird es echt knapp.
Mia hat einen Marmelademund.
Schling nicht so!
Ich soll mich doch beeilen.
Vielleicht stehst du einfach früher auf.
Vielleicht weckst du mich einfach früher.
Hast du den Atlas mit und deine Jause?
JAAA!
Johann griff nach seinem Rucksack, ging zur Garderobe.
Deine Lunchbox! rief Ines.
Johann eilte zur Küche zurück und steckte die Dose in seinen Rucksack.
Johann gab Mia einen raschen Kuss auf den Mund. Er wünschte ihr einen feinen Tag und sprang aus dem Wagen. Der Cityjet näherte sich bereits der Station.
Jetzt noch rüber zur Schule, dachte Ines, ein paar Minuten, die sie mit der am Morgen muffigen, wortkargen Mia stumm verbringen würde. Und dann zur Stadtautobahn.
Manchmal betrachtete sie die vorbeiziehenden Windräder, die der Landschaft einen futuristischen Charakter gaben. Sie empfand sie nicht so störend, wie die meisten Menschen aus ihrer Siedlung. An die riesigen Strommasten mit den endlosen Leitungen hatte man sich auch gewöhnt.
Bis später, rief Ines ihrer Tochter durchs offene Seitenfenster nach.
Aber pünktlich! rief Mia zurück.
Jetzt hing sie ihren Gedanken nach. Überlegungen, was heute im Büro anfallen wird.
Seit sieben Jahren arbeitete sie wieder in der Buchhaltung der Fensterfirma. Nachdem Mia drei Jahre alt geworden war, wollte sie sich wieder Eigenständigkeit verschaffen. Trotzdem stellte sie in letzter Zeit eine innere Unruhe fest, ein Innehalten ihrer Gedanken, die in eine Abwesenheit mündeten. Wie eine Art von Zweifel oder Unzufriedenheit, deren Gründe sie sich nicht nennen konnte. Eigentlich war sie mit ihrem Leben doch zufrieden, sagte sie sich.
Zu beiden Seiten zogen Schallschutzwände vorbei.
Die aufgereihten Glaskojen mit den Arbeitsplätzen wirkten wie übergroße Schauvitrinen. Und die von Ines war noch dazu heute ein Eiskasten. Die Klimaanlage brummte nervtötend vor sich hin. Sie schaltete sie aus.
In diesen Glaskojen fühlte sie sich immer den Blicken ausgesetzt, obwohl eigentlich niemand schaute. Außer ab und zu der Abteilungsleiter, so wie jetzt. Grüßend hob er seine Hand. Das dazwischen andere Mitarbeiterinnen saßen, schien ihn nie zu stören. Sein Lächeln war etwas asymmetrisch und brachte die schmalen Lippen in eine leichte Schieflage.
Kurz hob sie ihre Hand und dann konzentrierte sie sich auf ihren Bildschirm. Sie versuchte es zumindest.
Als sich Ines beim Automaten einen Kaffee herunterließ, holte sich auch der Abteilungsleiter einen. Er suchte immer ein wenig ihre Nähe, aber sie wusste, dass nichts Ernsthaftes oder Belästigendes dahintersteckte. Aber wenn er nicht verheiratet wäre, dachte Ines zu Beginn ihres Arbeitsverhältnisses, wer weiß, wie weit er sich dann vorgewagt hätte. Und sie, wäre sie darauf eingestiegen? Wenn sie alleine gelebt hätte?
Schon Urlaubspläne? fragte er.
Bei dieser Hitze bleibt nur der Norden, meinte Ines. Aber wirklich darüber nachgedacht haben wir noch nicht. Und Mia geht drei Wochen auf ein Sportcamp.
Meine sind von der bequemen Sorte, sagte er. In der Pubertät ist mit ihnen nichts anzufangen. Sie werden einem richtig fremd. Aber hast du dich auf der Urlaubsliste schon eingetragen?
Nein. Muss ich mich wohl beeilen.
Auf einer Betriebsfeier hatte Ines seine Frau kennengelernt. Sie war ein paar Jahre älter als sie und zu Hause hatte sie Johann gefragt, wie er sie fand. Nett, sagte er, und bei dieser häufig gegebenen Antwort wusste Ines nie, was er wirklich dachte. Dann setzte er nach: Ja, sympathisch. Dachte sie auch. Eine kleine zierliche Frau. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der jetzt vor dem Automaten mit dem Rücken zu ihr stand. Seine Schultern breit, wahrscheinlich trainierte er im Fitnessstudio. Der Nacken stämmig. Das Hemd spannte etwas. Der Hemdkragen war am Rand vom Nackenschweiß dunkel verfärbt.
Auf der leicht rauen Fläche des schwarzblauen Steins schimmerten kleine silbrig glänzende Einschlüsse. Wie unzählige Sterne im Weltall, dachte Mia. Sie nahm ihr Handy und machte ein Foto von dem Meteoritenstück.
Das gekrümmte Panoramabild mit der Darstellung des Universums umschloss sie.
Sternennebeln griffen ineinander und bildeten orangefarbene abstrakte Formen, die an den Rändern ausfransten. Wenn Mia versuchte sich diese Unendlichkeit vorzustellen, nachdachte über das Grenzenlose, über das endlose Universum, hatte sie immer das Gefühl, in ihrem Kopf entstünde ein leises Rauschen.
Er wollte es nicht sehen und trotzdem haftete sein Blick auf den violett glänzenden Gedärmen, die langsam aus dem Körper glitten und mit einem platschenden Geräusch in den Plastikkübel fielen. Das Messer trennte jetzt die Haut vom Fleisch und die Hand des Mannes zog sie gleichzeitig ab. Schau genau hin, sagte sein Vater, das nächste Mal machst du es. Schneid es jetzt ab.
Er hielt ihm das Messer hin.
Der Junge griff zu den Hinterläufen, an denen das Kaninchen mit einem Strick am Ast befestigt war. Die Sehnen fühlten sich glatt und kühl an.
Ines hatte ein wenig die Zeit übersehen. Sie blickte sich vor der Schule um. Erst jetzt bemerkte sie die WhatsApp-Nachricht von Mia. Sie hatte vergessen, dass sie ins Museum gehen und daher eine Stunde später aushatte. Dann wird sie die Zeit für ein paar Besorgungen nutzen, sagte sich Ines.
Sie schaute zur Mittelkonsole, nur alte ausgefüllte Parkscheine. Nie wird hier aufgeräumt, dachte sie. Sie öffnete das Handschuhfach. Das übliche Durcheinander, ihre Hand stöberte, fand zwei Parkscheine und bevor sie die Klappe schloss, sah sie etwas glitzern. Sie griff in die Fachtiefe und zog eine Zigarettenpackung heraus. Sie drehte sie in der Hand, überlegte, was ihr diese Schachtel erzählte, welche Bedeutung ihr zufallen könnte, da sie nicht zum Alltag der Familie gehörte. Kurz roch sie daran, aber außer dem abstoßenden Tabakgeruch schwebte kein anderer mit.
Einkäufe erledigte Ines immer mit zügigem Schritt. Sie schaute nicht herum, suchte keine Sonderangebote. Sie nahm Papiertaschentücher, Küchenrollen, drei Seifen ohne Zusatzstoffe. Die Zigarettenpackung hatte immer noch eine gedankliche Präsenz. Wann hatte sie mit Johann Auto und Bahn getauscht, weil er beruflich unterwegs war? Warum nahm diese Packung überhaupt Raum in ihr ein? An der Kassa bat eine Kundin hinter ihr, nachzurücken. Sie hatte sich wie ein Automat durch den DM bewegt. Jetzt fiel ihr die Zahnpasta ein, sie lief durch den Gang, um den Platz an der Kassa nicht zu verlieren. Warum die simplen Zahnpasten ganz unten sind, verstand sie nicht. Wahrscheinlich irgendeine Verkaufsstrategie.
Ines gab den Einkauf auf den Rücksitz.
Sie hatte eine Nachricht von Mia bekommen, dass sie in fünf Minten da sei.
Ines wählte eine Nummer, wartete. Eine Frauenstimme meldete sich. Sie möchte gerne Johann sprechen, aber die Stimme sagte ihr, dass er nicht im Büro sei. Hatte er jetzt nicht Mittag? Er esse heute auswärts. Kann ich ihm etwas ausrichten? Nein, danke.
Normalerweise aß er immer im Büro. Warum stimmte sie das nachdenklich? Es könnte unzählige Gründe geben. Obwohl Johann das Gewohnte nicht gerne durchbrach, und Essen gehen ist bei ihm eine Randerscheinung.
Eine Horde Kinder bewegte sich auf die Schule zu. Mia winkte ihr und rief etwas, das für Ines im Geschrei der Kinder unterging. Alle gingen ins Schulgebäude, um sich ihre Rucksäcke zu holen.
Die waren echt irre, diese Bilder vom All. Was da alles ist, vom dem wir nichts mitbekommen und auch nicht richtig verstehen, sagte Mia. Zum Beispiel die Dunkle Materie, die das Universum umgeben soll.
Ja, schwer vorzustellen, sagte Ines.
Jetzt schaut Mia auf die vorbeiziehende Landschaft.
Und der Urknall, der einfach so aus dem Nichts kam. Wie kann bloß aus dem Nichts etwas entstehen?
Ines lächelte bei dem Gedankengang von Mia. Wieder schaute Mia nach draußen.
Dann ist da draußen vielleicht in Wirklichkeit nichts und wir bilden uns das nur ein.
Mia schaute zu ihrer Mutter und schielte mit den Augen.
Aber wenigstens eine WhatsApp-Gruppe habe ich im Nichts. Cool!
Auf Antons Stirn hatte sich Schweiß gebildet. Auch auf seiner Oberlippe standen nun ein paar Tropfen. Vor ihm der Teller mit gegrilltem Lamm. Schmeckt es nicht? fragte seine Mutter. Die Hand seines Vaters verkrampfte sich um das Messer. Seine Knöchel traten weiß hervor.
Dann sprang Anton auf und stürzte nach draußen. In der Wiese erbrach er sich. Unweit vom Griller, in dem die Asche verglühte.
Er kam wieder zurück und setze sich an den Tisch.
Das putzt du weg, sagte sein Vater. Und zwar gleich.
Das Thermometer zeigte 37 Grad. Am Feld hatten die Erntehelfer*innen ihre Mittagspause beendet, und verteilten sich wieder am Feld.
Mia räumte die Teller in die Küche und gab sie in den Geschirrspüler.
Ob die am Tag genug trinken? fragte Ines. Mia kam zum Fenster und schaute auch hinaus.
Wie die das aushalten?
Ich muss noch die Gemüsekisten bei Rosa holen. Kommst du mit?
Dieser Vorschlag ließ Mia kräftig schnaufen, sie ließ ihre Schultern hängen. Ich muss mit Babsi Mathe machen. Ihre Ausrede war deutlich herauszuhören.
Ist doch ideal. Wir holen die Kisten und dann bringe ich dich zu Babsi. Dann musst du bei der Hitze nicht radeln.
Du willst mich nur dabeihaben, weil Rosa nie zum Reden aufhört.
Anton siehst du auch mal wieder.
Der ist aber kein Highlight. Mit dem weiß ich nie, was ich reden soll.
Sie kannte Anton, so wie sich alle Kinder in der Gegend kannten. Er war in der Schule ein Jahr über ihr. Mit manchen war sie mehr, mit anderen weniger befreundet. Anton gehörte bei Mia zu letzteren.
Aber du magst doch dafür Spice, und der freut sich auch immer, wenn er dich sieht.
Der Bauernhof war irgendwann neu errichtet worden, er hatte eine schlichte Rechteckform. Anstatt Fensterläden gab es Außenjalousien aus Plastik. Die Fenster waren mit gemalten pinkfarbenen Zierbändern aus Pflanzenblättern umrankt. Ein eigenartiger Kontrast zu der restlichen gedämpften Gelbfärbung. Das Wirtschaftsgebäude war ein schmuckloser, weiß getünchter Ziegelbau. Dahinter lag eine alte Scheune aus Holz. Ein eingezäunter Blumengarten trennte die Vorfahrt vom Haus.
Anton hatte einen schmächtigen Körper und für zwölf Jahre ein altes Gesicht. Seine leicht nach unten gezogenen Mundwinkeln hatten etwas Verächtliches. Bei der Begrüßung reichte er niemandem die Hand, daher unternahm Ines ebenfalls keinen Versuch.
Hi, sagte Mia und wurde von Spice bereits schwanzwedelnd umrundet. Anton schaute den beiden stumm zu.
Ich habe die Kisten schon vorbereitet, aber kommt mal rein Ines, draußen schmilzt man ja.
Ich habe selbstgemachten Birnensaft und Kuchen.
Aber nur kurz, sagte Ines.
Das sagst du immer. Und Rosa lachte.
Und hier ist gleich mal das Geld und Ines legte es auf den Tisch.
Durch das Stubenfenster konnte Ines die beiden sehen. Mia hatte sich in den Baumschatten gesetzt, Spice lag neben ihr, und hatte sich mit seinem Körper an ihre Füße gelehnt. Ihre Hand strich durch sein Fell. Anton stand immer noch neben ihr und Mia sagte etwas zu ihm.
Es ist nett, wenn Mia da ist. Sie verstehen sich so gut, sagte Rosa. Sie gab Ines ein Stück Kuchen. Er hat ja kaum jemanden.
Anton kam herein, holte ein Glas aus dem Schrank, schenkte vom Birnensaft ein und ging wieder hinaus, ohne irgendetwas gesagt zu haben.
Er ist immer so zurückhaltend, sagte Rosa.
Ines dachte daran, wie sie von Anton oft beobachtet wurde. Vor der Schule, oder wenn sie zufällig im Spar aufeinandertrafen. Nie wusste sie, wie lange er schon dastand und sie angeschaut hatte. In dem Blick des Jungen lag etwas Verstörendes, etwas Dunkles.
Durchs Fenster sah sie, wie Mia trank und Anton jetzt neben ihr am Boden saß. Er saß sehr nah, dachte Ines, eher schon knapp. Sie konnte nicht sehen, ob Anton mit seinem Bein das von Mia berührte. Dann stand er auf und sagte etwas zu ihr, worauf sich auch Mia erhob. Sie gingen los, der Hund lief voraus, als wüsste er, wo es hingeht und die beiden verschwanden aus Ines‘ Blickfeld.
Die Stimme drang an ihr Ohr und Ines merkte, dass Rosa die ganze Zeit geredet hatte.
… ja, so ist das halt, sagte Rosa und Ines wusste nicht, wovon Rosa gesprochen hatte, aber sagte einfach: Ja, es ist nicht einfach.
Ja, leider.
Mia kam ohne Anton in die Stube und setzte sich neben ihre Mutter.
Können wir dann fahren, ich muss noch Mathe machen.
Ines hörte eine gewisse Unsicherheit aus Mias Worten.
Ja, Rosa, wir müssen jetzt. Kann ich noch rasch auf die Toilette?
Sie hatte ihre Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, ihr Kopf hing kraftlos nach unten. Warum waren diese Besuche immer so kräfteraubend? War es diese belastende Stimmung, die im Haus lag? Rosas Mann begegnete sie kaum, vielleicht war er dauernd arbeiten. Nicht einmal sein Name fiel ihr ein.
Sie riss Klopapier ab, und zog die Spülung. Als sie die Toilettentür öffnete, stand Anton so knapp vor ihr, dass sie erschrak. Sogleich dachte sie, dass er ihr Geplätscher gehört hatte. Sie spürte Scham aufsteigen. Er schaute sie bewegungslos an. Sie fing sich wieder. Du hast es wohl sehr dringend, sagte Ines und setzte zu einem Schritt an. Nun wich er etwas zur Seite. Sie spürte seinen Blick in ihrem Rücken, dann hörte sie das Schließen der Tür und den metallischen Klang der Verriegelung.
Ines und Mia trugen je eine Kiste mit Gemüse und gingen durch das Gartentor zum Wagen.
Dein Vorgarten ist wirklich gelungen, sagte Ines, und danke für den Kuchen und den Saft.
Gerne. Oder willst du ein Stück mitnehmen?
Vielleicht beim nächsten Mal.
Mia rief vom Wagen aus Ciao und setzte sich rein. Offensichtlich schien sie Anton auszuweichen. Spice lief neben dem Wagen aufgeregt hin und her.
Anton stand in kleiner Entfernung vom Wagen und als Ines auf seiner Höhe war, sagte sie: Wiedersehn Anton.
Er sah sie an, ein leichtes Zittern in seinen herabgezogenen Mundwinkeln.
Dann sagte er leise: Du riechst.
Er grinste und ging zum Haus zurück.
Mia schaute aus dem Seitenfenster. Schweigen.
Alles ok? fragte Ines.
Ja, klar.
Worüber habt ihr euch unterhalten.
Hab ihm von meinem Sport erzählt, aber das hat ihn nicht besonders interessiert.
Mia schwieg eine Weile, dann fuhr sie fort.
Er hat erzählt, dass er mit seinem Vater Kaninchen und Fasane jagen geht. Er legt sie dann immer auf den Pick Up. Und er hat mir die Innereien und das abgezogen Fell gezeigt.
Und dass er das alles selber macht, und wie er es macht. Schon irgendwie krass.
Ich weiß. Sein Vater hat einen Jagdschein, glaube ich zumindest.
Ja, okay, aber irgendwie war das komisch, als habe er Spaß daran.
Einige Zeit fuhren sie schweigend. Irgendetwas stimmte nicht in dieser Familie. Aber Ines hatte nicht einen so engen Kontakt zu Rosa, um sie darauf anzusprechen. Und jetzt war da noch dieses Gefühl, dass Mia noch etwas anderes bedrückte. Irgendetwas war da noch.
Dann schaute Mia zu ihrer Mutter.
Er hat mich gefragt, ob ich schon blute.
Für einen Moment musste Ines die spontan aufsteigende Wut über den Jungen zurückhalten.
Was hast du geantwortet?
Erstens geht’s dich nichts an und ich muss dich ja nicht zu meiner Geburtstagsparty einladen.
Das war gut.
Obwohl er mir irgendwie leidtut.
Die volle Lunchbox lag auf der Küchenfläche.
Hattest du keinen Hunger?
Ich ess‘ es jetzt dann.
Warum erwähnte er nicht, dass er auswärts essen war?
War ein dichter Tag, sagte Johann, als wäre das die Erklärung.
Klang das wie eine Ausrede? fragte sich Ines. Soll sie vom Anruf erzählen? Aber Mia saß beim Esstisch und Ines wusste nicht, welche Richtung das Thema nehmen konnte.
Johann hatte das Essen in der Mikrowelle gewärmt und schüttete es auf den Teller.
Ich will auch von dem, rief Mia und Johann gab ihr davon etwas ab.
Noch wer? fragte Johann und schaute Ines leicht herausfordernd an. Ines schüttelte den Kopf.
Mia erzählte ihrem Vater vom Besuch des Museums und zeigte ihm Fotos auf ihrem Handy. Von den Erlebnissen mit Anton erzählte sie ihm nichts.
Mia stellte die Teller auf die Küchenablage.
Du kannst sie schon in den Geschirrspüler räumen, sagte Ines.
Oh Mann, sagte Mia und verdrehte die Augen.
Johann gab die Gläser hinein. Wie meist hilft er ihr dann, dachte Ines. Und für was – sie schaute danach eh bloß aufs Handy.
Sie legte die Zigarettenpackung vor ihm auf den Tisch.
Das war im Handschuhfach, sagte Ines.
Johann schaute die Packung an. Ines überlegte, ob dieses Schauen und Nachdenken etwas zu lang dauerte. Der Moment zog sich in einer unangenehmen Art in die Länge. Schwang in ihrer Frage zu viel Misstrauen mit, das ihn jetzt beschäftigte? Ja, ein Kollege hatte die im Wagen liegen gelassen. Wir waren ja vor zwei Wochen in Linz. Hab sie dann wohl ins Handschuhfach gegeben. Und vergessen.
Wirf sie bitte weg, sagte Ines, aber in die Tonne. Wegen dem Geruch.
Er nahm sie, stand auf und im Vorbeigehen legte er kurz seine Hand auf ihre Schulter, drückte sie leicht. Diese Geste wirkte in ihr nach, vielleicht weil sie so unerwartet kam, und auf frappante Weise nicht zu ihm gehörte – als wäre ihr die Wärme seiner Haut mit einem Mal fremd. Und dann der Gedanke, dass dieses Gefühl bleiben würde.
Durch das Fenster sah sie Johann, wie er die Zigarettenpackung in die Tonne warf. Er ging zurück, blieb aber auf der Terrasse stehen und wandte sich dem Garten zu. Einen Moment stand er still da. Er war ein großer Mann und jetzt, ihn von hinten betrachtend, dachte Ines, war er viel mehr, als sie je über ihn wissen konnte.
Dann rief er: Ines, komm raus. Es ist ein erster kühler Abend und ein herrlicher Sonnenuntergang.
© 2025 Helmut Wimmer