HELMUT WIMMER

Trampolin

TRAMPOLIN

 

Die Eingangstür des Hauses stand offen. Ninko sah zur Klingelanlage. Mehrere Wohnungen. Die Tür konnte nicht mit einem Postschlüssel geöffnet werden. Sie war mit einem Chipcardsystem  gesichert. Sofern sie zu war. Jetzt stand sie offen. Ninko drehte sich um, sah zum Haus gegenüber und sah, dass man diesen Eingang mit einem Postschlüssel öffnen konnte. Das ist gut, dachte er. Hausnummer 35 stand über der Tür.  Er tippte die Adresse in sein Handy und schickte sie per SMS ab. Vielleicht sollte er das eine Fahrrad jetzt schon dort einstellen. Aber es war besser, dort drüben noch keine Aufmerksamkeit zu erregen. Überprüfen sollte er das Stiegenhaus wenigstens. Immerhin hat er die Adresse schon gesendet. Wird schon funktionieren, dachte er und hob das mitgebrachte Rad hoch, weil es mit einem Gliederschloss versperrt war, trug es durch die offene Tür über die Vortreppe weiter durch das Stiegenhaus nach hinten zur Hoftür, die ebenfalls offen stand. Wie eine Einladung, dachte er. Das war ein gutes Zeichen. Ninko sah sich kurz um. Im Innenhof war es ruhig. Der Fahrradplatz war überdacht, so würde er von Blicken aus den umliegenden Häusern geschützt sein.  Die Räder standen eng, manche lehnten aufeinander und waren teilweise sogar ineinander verkeilt. Er sah sofort, dass die meisten am Radständer angekettet waren. Nur ein paar seit Ewigkeiten unbenützte Kinderräder lehnten unversperrt dazwischen. Die nicht am Radständer befestigten waren alle durch Schlösser gesichert.  Er würde sich Zeit nehmen, wozu Eile, dachte Ninko. Zuerst würde er ein oder zwei interessante Räder heraussuchen und sich dann mit den Schlössern beschäftigen.  Gleich zu seiner Rechten stand ein ganz neues Rad. Mit einem unbrechbaren Schloss. Das sah er auf den ersten Blick. Da würde man einen Schneidbrenner brauchen. Er könnte es auch so nehmen. Aber als er einmal mit einem neuen angekommen war, hatte ihn King fertig gemacht.  Ob er eigentlich irgendwas in seinem Schädel zum Denken hätte? Ein nigelnagelneues Rad? Das würde sofort auffallen. Und King hatte ihm mit der flachen Hand auf den Hinterkopf einen kräftigen Schlag verpasst.
Sein Handy läutete. Rasch zog er es heraus, da er vergessen hatte, es stumm zu schalten. Dabei sah er auf das Display und drücke den Anrufer verärgert weg. Warum muss sie gerade jetzt anrufen? dachte er.
Das weiße Rad sah gut aus, wenige Gebrauchsspuren, sportlich, tolle Gangschaltung. Er drehte es und stellte es auf Lenker und Sattel, um besser an das Schloss heranzukommen. Eine Brechzange hatte er nicht mit. Dieses große Ding ist schwer zu verbergen. Damit konnte er nur auffallen. Aber er hatte schon ein paar Mal mit einem Schraubenzieher und einer Zange Schlösser gebrochen. Dieses  hier schien hartnäckig.
Er wusste, dass er achtsam sein musste, und doch war er so sehr mit diesem Schloss beschäftig, dass er die Schritte nicht hörte.
- Darf ich fragen, wer Sie sind?
Ninko beherrschte sich aufzusehen. Im Augenwinkel konnte er den Mann bei der Hoftür ausmachen. So lange der nicht näher kam, würde er ihn ignorieren.
- Ich frag’ nur, weil wir schon einige Male Raddiebstähle hatten.
War das ein Trick, irgend ein Spiel, oder war dieser Mann bloß höflich? Er durfte jetzt keine Angst, keine Panik aufkommen lassen.  Er richtete sich auf, stellte das Rad wieder auf, drehte sich dabei von dem Mann weg, damit sich dieser sein Gesicht nicht einprägen konnte.
- Ich war oben bei einem Freund, und richte nur mein Rad. Bin gleich weg.
Warum hatte er das gesagt? Wozu Eile vortäuschen.
In seinem Rücken spürte Ninko, dass der Mann nachdachte. Dieses Misstrauen sprang direkt zu ihm über. Doch dann hörte er die sich im Stiegenhaus entfernenden Schritte.
OK, Ruhe bewahren, sagte er sich. Das Rad, das er bereits mitgebracht hatte, stellte er näher zur Hoftür. Beim anderen machte er sich nochmals an Schloss. Aber es gelang ihm nicht, den Schraubenzieher ins Schloss zu treiben. Das machte hier keinen Sinn mehr. Er trug es ins Stiegenhaus. Die Haustür war geschlossen. Mit einem Mal die Panik, sie könnte versperrt sein. Aber sie ließ sich öffnen und er drückte die Tür in den Halteriegel, damit sie ihm nicht zufiel. Rasch trug er das Rad über die Straße auf Nummer 35 zu und öffnete mit seinem Postschlüssel die Tür.
- Bringen Sie es sofort wieder zurück!
Es war die Stimme des Mannes. Offensichtlich hatte er ihn beobachtet, hatte abgewartet, dieser hinterhältige Typ, was er weiter tun würde. Warum lief er nicht einfach weg? Es war heute ein mieser Tag. Aber da war noch das andere Rad. Mit leeren Händen konnte er heute nicht auftauchen. Er sah zum Mann, der nun über die Straße auf ihn zu kam. Ninko nahm das Rad hoch und trug es die Straße runter.
- Lassen Sie es sofort stehen und verschwinden Sie!
Ninko sah zum Mann zurück. Dieser hatte sein Handy genommen und begann eine Nummer einzutippen. Er sah ihn an, dachte, dass er es mit ihm aufnehmen könnte. Aber er trug das Rad über die Straße zurück in das Stiegenhaus. Er verstand nicht, was der Mann ins Handy sprach.
- Bitte, keine Polizei. Ich war bloß bei einem Freund.
- Und wer soll das sein?
- Ich kann ihn anrufen, dann können Sie mit ihm reden. Marko, heißt er.
- Hier wohnt kein Marko.
Niemand kannte normalerweise seine Nachbarn. Aber dieser Mann klang überzeugt. Trotzdem zog Ninko sein Handy heraus, täuschte einen Anruf vor, was völlig dumm war. Er wollte einfach ablenken. Wenn er nervös wurde, neigte er zu irrationalen Handlungen. Eine Frau kam im Stiegenhaus herunter. Der Mann musste sie angerufen haben.
- Wie sind Sie hier reingekommen? fragte sie ihn.
- Die Tür stand offen.
Die Frau musterte ihn, vielleicht dachte sie über sein Alter nach. Ninko war groß, hatte aber seine jugendlichen Züge noch nicht verloren. Er war noch keine achtzehn.
- Kann ich noch mein Rad holen?
Der Mann sah ihn als, als hielte er ihn für verrückt. Er kam sich auch so vor, konnte nicht mehr klar denken, wusste nur, dass er nicht mit leeren Händen King gegenübertreten konnte.
- Da steht es.
- Das ist ja auch versperrt, sagte der Mann.
- Ich finde den Schlüssel nicht.
Er wusste, dass er Unsinn redete. Aber oft verwirrte dieser Unsinn sein Gegenüber.
- Wenn Sie den Schlüssel gefunden haben, sagte die Frau, können Sie ja wieder kommen und es abholen.
Was mischt die sich ein, dachte Ninko. Aber jetzt waren sie zu zweit und er spürte, dass er verloren hatte.
- Es gehört mir wirklich.
- Verschwinden Sie jetzt! sagte der Mann.
- Ich hab sonst nichts. Ich kann nicht mal was zu essen kaufen.
- Ja, klar, sagte die Frau.
Obwohl er es nicht wollte, ging er zur Haustür. Dass er ohne Rad hier raus gehen musste, machte Ninko völlig fertig. Gleichzeitig war es völlig unsinnig, noch irgend was dagegen zu unternehmen. Dann begann er wie automatisiert Dinge zu sagen, die bei den anderen Mitleid hervorrufen sollten.
- Ich hab ein kleines Kind.
- Verschwinden Sie einfach, sagte der Mann.
- Ich geh schon, ich geh schon, sagte er beschwichtigend.
- Das sollte dir eine Lehre sein, sagte die Frau.
Scheiß auf deine Lehre, dachte er. Du hast keine Ahnung, wohnst in diesem Reichenviertel, machst ein Theater wegen einem Rad und hast keine Ahnung. Normalerweise hole ich die Räder mit links.

Erst als er heftig nach Luft rang, wurde ihm bewusst, dass er die ganze Zeit wie wahnsinnig gerannt war. Sein Oberkörper sackte nach vorne und er stützte sich mit den Händen auf seine Knie.
Was war das eben? dachte er. Was war das für eine Scheiße in diesem Haus? Die Dunkelheit der Nacht lag wie eine schwere Masse über der Stadt. Wo war er überhaupt? Er musste sich orientieren, fand sich aber nur langsam zurecht. Seine linke Körperseite stach, ein klarer Gedanke war meilenweit entfernt. Er musste runter kommen. Irgendwie musste er wieder runterkommen.
Richtung Donaukanal machte er sich auf den Weg.

Wie lange er auf der Steinmauer gesessen war, wusste er nicht. Die Musik aus den Lokalen drang nur undeutlich an sein Ohr. Er beugte sich etwas vor und sah zu den Menschen, die unten dem Kai entlang in Liegenstühlen saßen, sich unterhielten und tranken. Wie bescheuert, dachte er, sitzen aufgereiht in Liegestühlen wie am Strand, bloß weit und breit kein Meer. Hinter sich hörte er Stimmen von zwei jungen Burschen, die näher kamen. Auf seiner Höhe angelangt, fragte Ninko nach einer Zigarette. Wortlos zog einer der beiden eine Zigarette aus seinem Päckchen und hielt sie ihm hin. Dann gab er ihm noch Feuer.
Tief zog Ninko den Rauch ein.
Er spürte das Vibrieren seines Handys. Alles zog sich in ihm zusammen, denn er wusste sofort, wer das war. ‚King’ leuchtete am Display auf. Wie konnte er bloß auf ihn vergessen? Scheiße, flüstere Ninko vor sich hin. Verdammte Scheiße!


Es war Zufall, dass Sojka auf das Angebot in ebay stieß. Sie war für Cazim auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk und hatte eher nach kleinen Dingen Ausschau gehalten. Aber dann sah sie das Bild des Trampolins. Das macht was her, dachte Sojka, das würde Cazim Freude machen und er konnte auch seine Freunde dazu einladen. Alle im Hof würden damit ihren Spaß haben. Noch dazu kostenlos bei Selbstabholung. Sofort griff sie zum Handy. Ein Junge hob ab, der ihren Anruf an seinen Vater weitergeben würde. Obwohl kaum zwei Minuten vergingen, kam ihr das Warten endlos vor. Ein wenig erstaunte es sie, dass der Mann einiges über ihre Absicht wissen wollte, warum sie sich für das Trampolin interessierte. Aber über Bekannte wusste Sojka, dass kostenlose ebay-Angebote oft  weiterverkauft wurden. Teilweise mit ganz schönem Gewinn. So erzählte sie dem Mann, dass es ein Geburtstaggeschenk für ihren zehnjährigen Sohn sein soll, und sie das Trampolin zu seiner Party am Samstag gerne als Überraschung aufbauen würde. Das Trampolin wäre für das Fest großartig, sagte sie.  Sie vereinbarten einen Termin für den Abend. Der Mann sagte ihr, dass er ihr wahrscheinlich beim Abbau nicht helfen könne. Sie solle ihren Mann mitbringen, da die Spannfedern schwer aus den Ösen zu ziehen waren. Es gebe keinen Mann, sagte sie. Sie dachte zwar sofort an Ninko, verwarf aber gleich wieder diese Idee, weil er sich wieder irgendwo unauffindbar herumtreiben würde. Andererseits warum nicht, sagte sie sich und rief ihn an. Es läutete drei Mal, dann wurde ihr Anruf wegdrückt. Für einen Moment stand sie still da. Dass er sie weggedrückt hatte, machte sie traurig. Obwohl er selten bei ihr abhob, konnte sie sich daran nicht gewöhnen. Es blieb nur ihre Freundin und Sojka hoffte, dass sie Zeit haben würde.

Als Sojka mit ihrer Freundin ankam, hatte der Mann mit seinem Sohn doch bereits die Spannfedern und das Sprungtuch herausgenommen. Mit der Konstruktion hatten sie noch gewartet, damit er ihr den Aufbau erklären konnte. Gemeinsam ordneten sie die Rohrstangen und banden sie mit Spanngummis zusammen. Sojka und ihre Freundin waren froh, dass sie Hilfe hatten. Das Sprungtuch, mit einem Durchmesser von drei Metern, war dementsprechend schwer. Der Junge schwang die Rolle über seine Schulter und trug sie zu ihrem kleinen Auto, bei dem Sojka unsicher war, ob das Trampolin überhaupt Platz haben würde. Sie bedankte sich bei dem Jungen und dachte an Ninko, der ganz anders war. Es machte sie nachdenklich, weil sie ihm nicht ein Leben bieten konnte, in dem er anständig aufwuchs. Bei Cazim hoffte sie, dass es besser laufen würde. Andererseits wusste sie auch nicht, was sie mit Ninko falsch gemacht haben sollte. Sie glaubte nicht daran, dass ihr einfaches Leben daran Schuld war. Ja, es war hart für die beiden Jungen, weil sie meistens zwei Jobs hatte, damit sie durchkamen und sie wenig zu Hause war. Vielleicht fehlte auch der Vater, der sich vor Jahren davon gemacht hatte. Er halte es hier nicht aus, hatte er immer wieder gesagt. Sojka wusste nie genau, was alles mit diesem ‚Hier’ gemeint war. Eines Tages war er weg. Sie blickte sich noch einmal in dem Garten um, an dem andere Gärten angeschlossen waren. Bäume ragten in die Höhe, spendeten kleinen Sitzplätzen Schatten und alles war von gepflegten Stadthäusern umgeben. Jetzt stellte sie sich vor, wie in den kleinen, betonierten Innenhof, an den ihre Wohnung grenzte, das Trampolin Leben bringen und Cazim Luftsprünge machen würde.


Ninko blickte die Straße rauf und runter und entdeckte den alten VW-Bus. Er ging mit seinem Kopf nah an die Windschutzscheibe, um den fensterlosen Laderaum ausmachen zu können. Ein Fahrrad stand drinnen. War die Ausbeute der anderen auch so schlecht oder hatte King einige Räder bereits in den Keller gebracht? Wenn ersteres zutraf, war King auf hundert.

Ninko ging durch eine Hausdurchfahrt. Im Innenhof  blickte er hoch. Natürlich brannte in Kings Fenster Licht. King lebte in der Nacht und schlief am Tag. Nur von Geschäften ließ er sich manchmal bei Tageslicht nach draußen treiben. Sollte er anläuten und es gleich hinter sich bringen? Eine ungewisse Zeit stand Ninko nachdenklich da, versuchte sich vorzustellen, wie King reagieren würde. Diese Vorstellung senkte seinen Mut auf Null.
Langsam verließ er den Innenhof, ging den Gemeindebau entlang, querte die Straße und betrat eine Hauseinfahrt, die in einen kleinen Innenhof führte. Sofort umfing ihn der leicht säuerliche Geruch der Mülltonnen. Er sah nach oben. Die Fenster waren dunkel. Er hatte keine Lust rauf zu gehen, hatte keine Lust auf sein Bett, und vor allem hatte er keine Lust seiner Mutter zu begegnen, die vielleicht noch im Dunklen auf ihn wartete. Das Hoflicht ging aus. Ninko drückte den Knopf beim Stiegenhauseingang. Im Eck neben dem Vorbau des Eingangs entdeckte er etwas. Dorthin fiel kein Licht, aber langsam nahmen seine Augen einige Bündel von Stangen war und eine zusammengelegte Plastikplane. Er beugte sich runter, um sich diese Dinge genauer anzusehen. Zuerst dachte er, sie hätten irgendwas mit einem Gerüst zu tun. Dann fand er in einem Sack unzählige Spannfedern. Er klappte die Plane auseinander. In seinem Kopf vervollständigte sich etwas und gleichzeitig reifte eine Idee heran. Er ging in den Keller und lief suchend im Gang hin und her. Schließlich fand er in einem offenen Kellerraum die Scheibtruhe.

Bereits im Aufreißen der Wohnungstür lag Kings Wut.
- Bist du bescheuert? Oder was? zischte ihm King entgegen.
Unmittelbar schlug er Ninko mit der flachen Hand ins Gesicht.
- Bestellst mich zu einer Adresse, ich geh hinein ...
Mit der anderen Hand wieder ein Schlag.
... und was find’ ich?
Wieder ein Schlag, gleiche Hand, damit man nie reagieren konnte.
- Nichts!
Zwei kurze Schläge rasch hintereinander mit der anderen Hand.
- Diesen Scheiß, den wirst du abarbeiten!
Schlag.
King schlug nicht fest zu, der Schwung kam nur aus dem Handgelenk. Es war viel mehr eine Demonstration seiner Macht und seine Lust an der Erniedrigung des Anderen. Aber da ein Schlag unmittelbar auf den anderen folgte, konnten sich die Wangen nicht erholen und fingen heftig zu brennen an. In Kings Gesicht lag dabei ein Ausdruck der Aufforderung, den Gepeinigten eine Gegenwehr zu entlocken. Komm schon, wehr dich, schlag zurück, damit ich dich richtig fertig machen kann.  Ninko hätte nie den Mut dazu gehabt.
Meist endete das Schlagen genau so unmittelbar wie es begonnen hatte, als würde in Kings Kopf ein Schalter umklappen.
King streckte seinen Rücken durch. Er trug nur Shorts und sein trainierter Körper trat in volle Erscheinung. Etwas Brutales war diesem Gesicht eingeschrieben, und für seine Zwanzig sah es bereits alt aus.
- Ich hab Ersatz, sagte Ninko, wobei er versuchte, den Schmerz in seinem Gesicht möglichst zu unterdrücken.
King sah ihn an, irgendwie eigenartig war der Blick. Ninko konnte ihn nicht deuten.
- Unten, im Hof. Seine Hand wies nach unten und gleichzeitig spürte er, wie dumm diese Geste war und nur seiner riesigen Unsicherheit entsprang.
- Was?
- Ein Trampolin.
Wieder dieser eigenartige Blick von King. Der bedeuten konnte, dass King ihm über den Kopf streicheln oder ihm ein Messer in den Bauch rammen würde.
- Bring’s rauf.
- Aber ... das ist riesig, sind eine Menge Stangen.
- Klopf an, wenn du wieder da bist.
Dann schlug King die Wohnungstür zu.

Ninko musste vier Mal gehen. Außer dem Sprungtuch waren die Rohrbündeln nicht schwer, aber wenn er eines auf der Schulter hatte, konnte er auf die andere nichts mehr hochheben.
Vier Mal drei Stockwerke brachten ihn außer Atem und keuchend klopfte er an.
- Bau’s auf.
Ninko war sich unsicher, ob er King richtig verstanden hatte.
- Ich will’s sehen. Vielleicht fehlt ja was.
Ninko blickte sich kurz um.
- Wie bescheuert bist du eigentlich? Doch nicht hier. Unten im Hof.
In Ninko kroch Wut hoch. Ein Rohrbündel trug er auf der Schulter, ein anderes zog er hinter sich her. Dass die Rohre auf den Stufen des Stiegenhauses schepperten war ihm egal. Es musste schon auf Mitternacht zugehen.

Er versuchte so leise wie möglich aufzusperren. Unter dem Türspalt war kein Licht zu sehen.
Er schlich in das Wohnzimmer, machte Licht und begann die Laden des alten Glasschrankes zu durchsuchen.
- Was machst du da?
Natürlich war seine Mutter noch wach. Wie konnte es auch anders sein.
- Nach was sieht’s aus?
Einen Moment sah sie ihm zu, wie er rasch die Laden durchwühlte.
- Du musst aber dabei keine Unordnung veranstalten!
- Nerv jetzt nicht!
- Warum hebst du eigentlich nie ab, wenn ich dich anrufe?
Ohne zu antworten war Ninko zum Esstisch gegangen, der auch eine Lade hatte.
- Wenn man dich mal braucht, bist du nie erreichbar. Was suchst du überhaupt?
Er drückte sich an seiner Mutter vorbei und ging in die Küche.
- Hast du für Cazim schon ein Geburtsgeschenk?
Endlich fand er die Taschenlampe. Er schaltete sie kurz ein. Die Batterien schienen noch brauchbar zu sein.
- Wo gehst du noch hin?
Ohne eine Antwort flog die Wohnungstür zu.

Er hatte sich die Teile im Hof aufgelegt. Um das Sprungtuch waren sternförmig die Rohre für die Säulen angeordnet, in einem Außenkreis lagen die Bügeln, mit denen das Trampolin am Boden stand.
Während des Zusammenbaus hielt er die Taschenlampe zwischen den Zähnen geklemmt.

Da er die drei Stockwerke hinauf gelaufen war, klopfte er keuchend bei King an. Als er öffnete, hielt King eine Bierflasche in der Hand.
- Fertig, sagt Ninko.
King sah ihn, als würde er nicht verstehen. Offensichtlich hatte das Bier seine Wirkung getan.
- Das Trampolin. Es ist aufgebaut.
- Jetzt sieht man nichts. Morgen.
King schloss die Tür. Von innen hörte er ihn noch ‚Um zwei’ rufen.
Ninko stand vor der Tür und fühlte in sich eine befremdliche Kraftlosigkeit hochsteigen. Noch konnte er nicht einordnen, was hier an ihm abgehandelt worden war. Er kam sich hintergangen vor, ausgenützt, missbraucht.

In der restlichen Nacht fand er kaum Schlaf.  Um vier Uhr hörte er seine Mutter aufstehen und ins Bad gehen. Er sah zum Fenster, durch das sich die beginnende Morgenhelligkeit schob. Im Bett an der anderen Wand sprach Cazim im Schlaf. Die Wände waren so dünn, dass er das Zähneputzen seiner Mutter hörte. Er hasste diese Wohnung, hasste dieses Zimmer, das er mit seinem Bruder teilen musste, aber vor allem hasste er King und alle, die um ihn herum geschart waren. Er sah keinen Weg, wie er all dem entkommen konnte. Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Und sie lässt sich auch ausbeuten, dachte Ninko. Er verstand nicht, wie sie dort arbeiten konnte, für diese Reichen das Scheißhaus putzen, die sie ausbeuteten. Dafür hasste er auch seine Mutter. Diese Welt funktioniert nur durch Ausbeutung derer, die ohnehin nichts haben. Immer wieder hing Ninko diesem Gedanken nach.


- Wo ist das Jausenbrot?
- Bin ich dein Kindermädchen?
- Mama macht mir immer eins.
- Dann geh zu ihr.
Cazims Blick verdüsterte sich. Er war knapp davor, wie meist in solchen Situationen, etwas Vulgäres zu sagen. Aber Ninko kam ihm zuvor.
-  Bist du ein Baby? Mach dir doch selber eines!
Cazim schnitt ungelenk zwei zu dicke Scheiben Brot und warf lieblos ein paar Wurstblätter dazwischen.
Nachdem Cazim die Wohnung verlassen hatte und auf dem Weg zur Schule war, ging Ninko
zum Trampolin und setzte sich auf den Ring. Schließlich musste er es bis zwei Uhr  gegen irgendwelche Benützer verteidigen. Über ihm ragten die vier Wände des Innenhofs hoch, in denen stumm die dunklen Fenster saßen und hinter denen jedes Leben erloschen schien.  Es war ihm, als säße er in einem tiefen dunklen Schacht gefangen, an dessen oberem Ende eine unerreichbare Freiheit leuchtete.
Er wickelte ein kleines Brot aus dem Papier, das er sich mitgenommen hatte. Lustlos kaute er daran. Aus einem der Stiegenhäuser kam ein Mann und trug Müll zu den Tonnen. Misstrauisch blickte er zu Ninko. Man sah ihm an, dass er etwas sagen wollte. Er warf den Müllsack in die Tonne. Der Mann mittleren Alters trug einen leuchtend blauen Trainingsanzug, der im Widerspruch zu seinem Bauch und der restlichen laschen Figur stand. Am Weg zurück sprach er Ninko mit einem unfreundlich herrischen Ton an.
- Was ist das?
- Sieht man doch?
- Werd’ nicht goschert!
Für einen Moment hielt der Mann inne, dachte fast angestrengt nach.
- Das bleibt hier aber nicht stehen! Hier brauch ich keinen Krawall!
Dabei wandte sich der Mann ab und ging zum Stiegenhaus.
-  Dir gehört der Hof nicht? rief Ninko.
- Das verschwindet da wieder! rief der Mann bereits aus dem Stiegenhaus, ohne sich umzudrehen.
- Fick dich! sagte Ninko halblaut und etwas gelangweilt.

King ging um das Trampolin herum. Immer wieder rüttelte er prüfend an den Stangen. Dann stieg er auf das Sprungtuch.
- Du musst deine Schuhe ausziehen, sagte Ninko
- Was?
- Deine Schuhe. Besonders die Metallspitzen da ..., und Ninko deutete auf die Cowboystiefeln.
King dachte nach. Niemand hatte ihm Anweisungen zu geben.
- Wenn das Tuch einreißt, ist es wertlos, sagte Ninko und er wusste nicht, wo er plötzlich den Mut dafür fand, King Ratschläge zu erteilen.
King nickte mit zusammengepressten Lippen und streifte seine Cowboystiefel ab. Der große Zeh ragte durch ein Loch im Socken. Mit einem Mal bekam King etwas Verletzbares.
Ein wenig ungelenk sprang King auf dem Sprungtuch herum.
- OK. Mach ein paar Fotos, dann bau’s ab und bring’ es in den Keller.
King stieg wieder herunter.
- Kann ich 20 dafür haben? fragte Ninko.
King zog sich die Stiefel wieder an, ließ auf seine Antwort warten. Mit etwas Spucke wischte er die verchromte Schuhspitze blank. Dann stellt er sich vor Ninko, der sich bemühte, nicht zurück zu weichen.
- Hör’ ich richtig? Du forderst was? Du bist total am Arsch und willst 20?
Dabei schlug er Ninko mit der flachen Hand gegen die Stirn.

Ninko lungerte auf der Couch herum, als er seine Mutter heimkommen hörte. Sie sah kurz zu ihm und ging dann gleich in die Küche. Er merkte, dass irgendwas nicht stimmte. Aber er hatte auch keine Lust aufzustehen.
- Ist irgendwas? rief er.
Die Antwort dauerte.
- Es ist weg, sagte Sojka.
- Was ist weg? fragte Ninko.
- Die Überraschung für Cazim.
Plötzlich beschlich Ninko ein seltsames Gefühl, ähnlich einer Ahnung. Er stand auf, ging zur Küche und blieb in der Tür stehen. Seine Mutter saß am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt. Sie blickte auf, sah ihn an, aber ihre Gedanken waren bereits woanders.
- Verstehst du, warum jemand so was macht?
Die Beklemmung in ihm wurde stärker.
- Was meinst du? Was für eine Überraschung?
- Das Geschenk zu seinem Geburtstag.
- Was für ein Geschenk?
- Das Trampolin.
Ninko hoffte, dass seine Mutter seine kurze Irritation nicht bemerkt hatte. Aber zu sehr beschäftigte sie dieser Verlust.
- Wer nimmt bloß so was? Ein Spiel für Kinder. Beim Weggehen am Morgen war es weg. Ich konnte den ganzen Tag nicht richtig arbeiten, hab’ dauernd daran denken müssen, an die Freude von Cazim und den Spaß von allen anderen, die er eingeladen hat. Und jetzt ist es weg.
- Wo war es denn?
- Im Eck neben den Eingang.
- Vielleicht hat es ja nur jemand woanders hingegeben,  vielleicht in den Keller gebracht.
- Da hab ich schon überall nachgesehen. Überall habe ich gesucht und habe die Nachbarn gefragt.
- Ich hör’ mich mal um. ... Wo ist Cazim?
- Beim Fußballspielen am Marktplatz.
Kraftlos saß Sojka am Tisch und starrte vor sich hin.

- Ich muss es wieder haben!
- Wie! Was glaubst du, mit wem du redest?
- Es war ein Missverständnis.
- Du weißt, was ich mit jemandem mache, der mich verascht.
- Ehrlich King.
- Ehrlich King, äffte  er Ninko nach.
- Ich bitte dich.
King sah ihn an, als würde er im nächstem Moment zuschlagen.
Dann brüllte er lachend los.
- Er bittet mich! wiederholte King lachend.
Unvermittelt packte er Ninko und drückte ihn so schnell an die Mauer, dass sein Kopf hart dagegen schlug.
- Was bildest du dir eigentlich ein?
Er war so nahe, dass er Kings säuerlichen Bieratem riechen konnte.
Kings Blick fixierte Ninko, und seine Augen bohrten sich in die von Ninko, sie bohrten sich so tief in sein Inneres, dorthin wo es keinen Widerstand mehr gab, wo alles Verletzliche in ihm war, und Ninko dachte, dass dieser Blick das letzte sein würde, was er in seinem Leben sah.
Unerwartet ließ King ihn los.
- Sechzig, sagte er.
Ninko war wie betäubt und verstand nicht.
King schlug ihm kurz ins Gesicht.
- Für sechzig gehört’s dir.
Ninko suchte nach einer Entgegnung, wobei er sofort wusste, dass es nichts geben würde, was er dagegensetzen konnte.
- Ich hab’s doch gebracht, sagte er mit kippender Stimme.
- Und ich hab’ jetzt einen Käufer.
Ninko sah ihn ungläubig an.
- Wenn du’s wieder willst, bring das Geld! Und beeil dich. Ich hab’ schon ’ne Menge Interessenten.

Ninko saß auf einer Parkbank. Vor im das hohe Gitter des Spielfeldes.  Er sah Cazim beim Fußballspiel zu. Cazim stellte sich geschickt an. Er verteidigte den Ball fast über die ganze Spielfeldlänge.
Was geht mich dein Trampolin an? dachte Ninko. Weißt ja nicht mal, dass es existiert. Viel mehr beunruhigte ihn der Tratsch der Frauen. Irgendjemand hatte ihn sicher mit dem Trampolin gesehen. Und dann würde es sofort seine Mutter wissen.
Ninko wusste nicht, was er tun sollte. In seinen Händen hatte er zwei Fünfeuroscheine und ein paar Münzen. Auch wenn er sie noch ewig anblicken würde, würden sie sich nicht vermehren. Übermorgen war das Geburtstagsfest. Plötzlich bemerkte ihn Cazim, der ihm kurz zuwinkte. Dieser Konzentrationsfehler führte zu einem Zusammenprall mit einem Mitspieler und Cazim schlug am Betonboden auf. Nach einer kurzen Schrecksekunde rappelte er sich aber wieder auf und spielte weiter.

In seinem Zimmer hielt Ninko eine kleine Kartonschachtel in der Hand. Vorwiegend waren Geldmünzen darin, aber auch ein paar Fünf- und Zehneuroscheine. Lange schaute er in die Schachtel. Zuerst zählte er nur Münzen heraus und dann nahm er doch einen Zehner. Er schloss den Deckel, auf dem in kindlich bunter Schrift der Name ‚Cazim’ stand. Dann schob er die Schachtel wieder unter die T-Shirts im Schrank.
Seine Mutter schlief und es war für ihn ein leichtes, ihre Geldbörse zu durchsuchen. Sie hatte mehrere kleine Scheine darin, und Ninko hoffte, dass ihr die fehlenden 20 Euro nicht auffallen würden.


Sojka war wieder um fünf Uhr früh aufgebrochen. Die Reinigungsarbeiten in dem Bürogebäude mussten um acht Uhr abgeschlossen sein.
Ninko sah Cazim beim Frühstücken zu. Jetzt dachte er an sein Geburtstagsgeschenk für Cazim, das er immer noch nicht hatte. Und morgen war das Fest. Wozu sollte er diesem kleinen Scheißer noch ein Geschenk besorgen? dachte Ninko. Eigentlich ist alles seine Schuld. Gäbe es das Trampolin nicht, hätte er jetzt keinen Ärger am Hals. Hatte er jemals so ein Geschenk bekommen? Nein.
- Kleines Arschloch, murmelte er vor sich hin.
- Was?
Cazim sah ihn an. Er schien nicht sicher zu sein, ob er Ninko richtig verstanden hatte.
- Nichts! Herrschte ihn Ninko an.
Cazim nahm den leeren Teller, trank den letzten Schluck aus der Tasse und ließ in der Spüle solange Wasser darüber laufen, bis ihm das Geschirr sauber zu sein schien.
- Wo ist mein Jausenbrot?
Ninko schob die Butter so heftig hinüber, dass sie vom Tisch glitt. Die Metallschale schepperte laut.
Cazim wollte was entgegnen.
- Halt bloß die Klappe! schrie ihn Ninko an.
Cazim nahm seinen Schulrucksack und warf hinter sich die Tür laut ins Schloss.
Einige Zeit saß Ninko noch still über seiner Kaffeetasse. Zuerst würde er zu King gehen. Schließlich hob er die Butter auf, reinigte sie unter Wasser, gab sie in den Kühlschrank und schlug wütend die Tür zu, dass das Gerät wackelte.


Ninko blickte am Jahrhundertewendehaus hoch. Es schien viele Wohnungen zu haben. Er besah sich die Namen auf der Klingeltafel. Auf einigen waren akademische Grade davor gesetzt. Er steckte den Postschlüssel ins Schloss. Irgendetwas ließ ihn einen Moment zögern. Dann drehte er den Schlüssel. Das Torschloss surrte und Ninko drückte die Tür auf.

© Helmut Wimmer 2016