HELMUT WIMMER

STIMMEN

Erzählung
 

 

Als er zum ersten Mal den Raum betrat und zur Glasfront blickte, erschien ihm der davor liegende Wald wie ein Stück naturgewordene Wand. Von der Mitte des Raums konnte er über den Wipfeln den Himmel sehen. Diese Undurchdringlichkeit von Stämmen und Geäst veränderte im Laufe der Tageszeit ihre Dichte. Bei Sonnenlicht erhielt der Wald eine Transparenz, in deren unendlicher Tiefe sich sein Blick verlieren konnte. So vergingen oft Stunden, die er stehend vor der Fensterfront verbrachte.
Diese Glasfront passte eigentlich nicht zu dem alten, kleinen Haus. Der Vermieter hatte sie wohl einbauen lassen, um der Natur den Zutritt in das Zimmer zu ermöglichen.

Wenn er näher an die Glasfront trat und nach links blickte, konnte er in einiger Entfernung ein anderes Haus sehen. So wie seines aus Holz gebaut, ebenerdig, das Satteldach von einer beschützenden Größe. Zwischen den Häusern lag eine wildwuchernde Wiese. Kein Zaun machte eine Grenze zwischen den Grundstücken sichtbar. Am Abend, wenn Licht brannte, konnte er manchmal hinter den beiden Terrassentüren die Bewegungen von Menschen wahrnehmen. Eine Frau und ein junger Bursche, wahrscheinlich ihr Sohn. Im Dorf, im Laden oder auf der Straße war er ihnen noch nie begegnet. Er nahm an, dass sie so wie er das Haus gemietet hatten. Es stand kein Wagen davor, dessen Nummerntafel ihre Herkunft verraten hätte. Vielleicht aber konnten sie hier leben, lange schon.
Er sollte hinübergehen, sich kurz vorstellen. Seit den paar Tagen, die er hier war, hatte er sich das vorgenommen. Aber er wollte allein sein, und wer weiß, ob er sich dann von eventuellen gegenseitigen nachbarschaftlichen Bemühungen wieder befreien konnte.

 

Er wandte sich erneut dem Wald zu und lauschte seinen Klängen. Da war ein Rauschen wie Gesang und dann wieder ein leises Wispern, das sich beständig veränderte, sich mit anderen Tönen überlagerte, wie das Vermischen unzähliger Stimmen.

Er suchte das Etikett am Pullover. Bei manchen Kleidungsstücken war er sich nie sicher, wie sie zu waschen waren. Er teilte die Wäsche auseinander, gab den größten Teil in die Maschine, programmierte sie und schaltete ein. Die beiden Pullover gab er ins Waschbecken, ließ Wasser ein und goss etwas flüssiges Waschmittel  dazu.  Mit  den  Händen knetete er die Pullover einige Zeit durch, dann legte er sie zurück ins Waschbecken.

 

Auf einen Zettel notierte er sich fehlende Speisen. Er kontrollierte den Kühlschrank, fand die Brotdose leer. Vor dem Fenster nahm er eine Bewegung war. Aus der Richtung des Nachbarhauses trottete der Junge die Straße entlang. Seine Hände hatte er in die Hosentasche gesteckt. Den Rücken leicht gebeugt war sein Kopf zu Boden gerichtet. Er mochte fünfzehn oder sechzehn sein. Als er am Haus vorbeikam, schenkte er diesem keinen Blick.

Er steckte den Einkaufszettel in seine Jacke. Die Bananenschachtel neben der Eingangstür nahm er mit und warf sie in den Kofferraum. Dann fuhr er ins Dorf.

 

Auf der Straße überholte er den Jungen. Er sah in den Rückspiegel. Nichts hatte sich an Gangart oder Körperhaltung verändert.

Bevor er den Laden besuchte, ging er um den Dorfplatz und besah sich wieder die wenigen Auslagen. In den paar Tagen, die er hier war, wurde diese Bewegung fast zu einem Ritual. Er liebte diese Geschäfte, die nur ein beschränktes Angebot zur Auswahl hatten. In vielen Dingen schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Nur der Jeansshop kam der gegenwärtigen Mode nach.

 

Besonders liebte er den Laden für Eisenwaren, in dem sich bunt verziertes Geschirr, Kochtöpfe, Besteck, Schuhbürsten und Werkzeug genau so finden ließen, wie ein aufblasbares Planschbecken, ein Gartengriller und Kinderwägen.

Wie in fast allen Dörfern stand auch hier am Platz ein Brunnen. Eine schlichte Säule, oben mit einem flachen Kapitel abgeschlossen, darauf ein Steintrog aus dem Pflanzen wucherten. Zu Füßen der Säule waren vier Wasserspeier angeordnet, aus denen ohne Druck Wasser rann. Der Brunnen selbst wurde von einer sechsseitigen, steinernen Brüstung gebildet. Darum standen einige Parkbänke, die wiederum von einem Grünstreifen umschlossen wurden. Vier kreuzförmig angeordnete Wege ermöglichten den Zugang zum Brunnen. Dort querte er nun den Platz, um auf einer Bank für kurze Zeit das spärliche Dorftreiben zu beobachten. Jetzt erst bemerkte er das Paar auf der schräg gegenüberliegenden Bank. Zuerst fiel ihm der Mann mit Down-Syndrom auf. Er konnte sein Alter nicht schätzen. Vielleicht war er dreißig, oder doch schon vierzig. In seinen Gesichtszügen lag eine gewisse Alterslosigkeit. Neben ihm saß eine sehr alte Frau. Er hielt ihre Hand in seiner. In kurzen Abständen sah er zu ihr, und für einen Moment bewegten sich dann seine Lippen, als wollte er etwas sagen, aber er tat es nicht. In ihrer Stille wirkte die alte Frau ganz bei sich. Die Haltung der beiden ergab das Bild eines Liebespaars.

 

Ich möchte nicht mehr Leben. Warum kam ihm jetzt dieser Satz seiner Mutter in den Sinn. Ihr Satz berührte ihn, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass man diesen Wunsch einfach so äußern konnte. Er hatte seinen Arm um ihre durch das Alter schmal gewordenen Schultern gelegt und hatte keinen Trost gewusst. Was mochte ihr in all den stillen Stunden der ereignislosen Tage, die sich unaufhörlich aneinander reihten, durch den Kopf gegangen sein?

Er versuchte sich ihre Stimme in Erinnerung zu rufen. Ohne Erfolg.
Warum war ihm das Wachrufen einer menschlichen Stimme nicht möglich? Ob sie hoch oder tief war, kräftig oder zurückgenommen. Mit dieser Gabe war er wohl nicht ausgestattet. Menschliche Stimmen schienen ihm für immer verloren.

 

Die Hand der Mutter lag noch immer in der des Sohnes, der nun zu ihm herübersah.
Es war ihm unangenehm, dass er die beiden so lange beobachtet hatte. Aber der Mann lächelte ihn offen an, bevor er sich wieder seiner alten Mutter zuwandte.
Er verließ seine Bank und grüßte die beiden mit einem kurzen Kopfnicken.

Im Lebensmittelladen das fröhliche Geschnatter zweier Frauen mit der Verkäuferin. Gerne horchte er dem Dorftratsch der Frauen zu, heute hatte er keinen Kopf dafür. Mit einer Hand trug er die Bananenschachtel, in der anderen Hand hielt er seinen Einkaufszettel hoch, wobei er sich wieder über seine eigene Schrift ärgerte, da er einige Wörter nicht mehr lesen konnte.

 

Hinter einem Regal entdeckte er den Jungen aus dem Nachbarhaus. Dieser stöberte durch das spärliche Angebot von Chips, war aber mit keiner Sorte richtig zufrieden. Ihre Blicke trafen sich, und da der Junge nichts sagte, sagte er ‚hallo’.
Ebenfalls mit einem kurzen, aber beteiligungslosen ‚Hallo’ antwortete der Junge, ging zum Kühlregal und holte sich eine Cola heraus.

Er füllte seine Schachtel und ging zur Kassa, an der die Frauen immer noch miteinander schnatterten.

 

Die Bananenschachtel verstaute er im Kofferraum und besuchte das einzige Café, das dieser Ort zu bieten hatte. Er beschloss länger zu bleiben, heute die Arbeit sein zu lassen, nicht mehr an der Studie zu arbeiten, die er sich  mitgenommen  hatte, um  wenigstens  mit einer Aufgabe nicht völlig alleine mit seinen Gedanken zu sein.

Draußen saß der Junge auf einer Bank am Brunnen, aß die Chips und trank von der Cola. Auf der Bank neben ihm befand sich noch immer die Mutter mit ihrem Sohn, als wären diese zwei Menschen aus der Zeit gefallen.

 


Er wusste nicht, wie lange er durch die Landschaft gegangen war, die das Dorf umgab.
Rasch zogen über den Hügeln bleischwere Wolken auf. Wie auf einer Bühne wurde der Umgebung das Licht entzogen.
Ein Blitz mit unmittelbar folgendem Donner entlud den Regen aus den Wolken.
Mit hochgezogener Jacke lief er über den Platz zu seinem Auto.

Der Regen prasselte so sehr, dass er auf die höchste Stufe des Scheibenwischers schaltete. Der böige Wind verstärkte den Wasseraufprall. Bei der Dorfausfahrt bemerkte er, durch den Regen leicht verschwommen, eine am Straßenrand gehende Gestalt. Trotz des Sturms schien sie nicht in Eile. Es war, als mache dieser Gestalt der prasselnde Regen nichts aus. Auf ihrer Höhe angelangt, erkannte er den Jungen. Er ließ das Fenster herunter.
Der Junge blickte flüchtig zu ihm.
- Ich wohne im Haus neben euch, schrie er, um den prasselnden Regen zu übertönen.
- Weiß ich.
Er hat dich also früher schon wahrgenommen, dachte er, obwohl wir uns gerade erst begegnet sind.
- Willst du mit?
Der Regen rann ihm von den Haaren über das Gesicht. Es war ihm nicht anzusehen, ob ihm die Nässe viel ausmachte oder sie ihm egal war.
Er überlegte, wie lange er seine Antwort abwarten sollte. Aufzwingen wollte er sich nicht. Dann soll er die gute halbe Stunde zu Fuß gehen.
Schließlich stieg der Junge ein.
Ein Danke kam nicht. Irgendwie hatte er damit auch nicht gerechnet.
- Ich bin Johann.
- Max, sagte der Junge, ohne ihn anzusehen.
Schweigend fuhren sie ein Stück in einem Tempo, das kaum über Schrittgeschwindigkeit lag. Die geschotterte Forststraße führte einen steilen Hang hoch, und er musste darauf achten, nicht zu nahe der abfallenden Hangseite zu kommen.
- Seid ihr hier auf Urlaub? wollte er nun doch das Schweigen brechen.
- Urlaub? Hier? Das hier ist doch so was wie der Arsch der Welt.
- Aber ihr seid hier.
- Wegen ihr.
- ‚Ihr’ ist wohl deine Mutter?
- Wer sonst.
- Und du bist mit.
- Ich musste mit.
- Na ja, du wirkst nicht so unselbständig.
- Sie kennen meine Mutter nicht.
Kurz blickte er zu dem Jungen, der von dem Sturzbach, der über die Spurrinnen dem Wagen entgegen kam, unbeeindruckt schien.
- Ich war früher oft hier, in den Ferien.
Damit wollte er das Gespräch in eine friedlichere Richtung lenken.
- Wie haltet ihr das nur aus, dieses ewige Gesülze über früher?
- Für die kurze Zeit unserer Bekanntschaft nimmst du dir gerade kein Blatt vor dem Mund.
- Mir reicht meine Mutter mir ihrem blöden Vergangenheitstrip.
- Glaubst du, dass sie das verdient?
- Was?
- Deine schlechte Meinung über sie.
Max zuckte mit den Schultern.

 

Bei seinem Haus angelangt hatte der Regen etwas nachgelassen.
- Die paar Meter schaffst du sicher zu Fuß.
Wortlos stieg der Junge aus. Dann stand er neben dem Auto, als wisse er nicht so recht, was er als nächstes tun sollte.
Johann hob seinen Einkauf aus dem Wagen und auf halben Weg zur Tür brach der Boden der Schachtel durch.
- Scheiße! rief er.
Der Regen prasselte auf die Sachen, die er rasch unter das Vordach warf.
In erwartungsgemäßer Langsamkeit half ihm schließlich der Junge, die Sachen ins Haus zu bringen.

Max sah sich um. Auf dem Küchentisch die verstreuten Blätter seiner Studie, Kuchenreste, eine halbleere Kaffeetasse. Auf der Couch Bücher und Zeitungen.
- Sie sind wohl auch so ein Ordentlichkeitsfanatiker, sagte der Junge.
- Machst du dich jetzt über mich lustig?
- Naja, bei Ihnen liegt schließlich nichts auf dem Boden, was dort nicht hingehört.
Der Junge trat zum Küchenfenster und sah hinüber zum Haus. In der Abenddämmerung leuchteten die Terrassentüren.
Johann hatte ein Handtuch geholt und hielt es dem Jungen hin.
- Für den Kopf.
Doch der Junge nahm es nicht.
- Willst du Tee?
Der Junge sah wieder zum Haus hinüber. Dort war alles still. Nichts regte sich hinter den erleuchteten Scheiben.
Sein Handy läutete. Er machte keine Anstalten es aus der Jacke zu ziehen.
- Ich kann rausgehen, sagte Johann.
Der Junge sagte nichts.
- Vielleicht ist es deine Mutter.
- Schon möglich.
Noch immer sah er hinüber, als warte er darauf, sie mit dem Handy am Ohr im Zimmer zu sehen.
Das Läuten hörte auf. Eine eigenartige Stille machte sich in der Küche breit. Der Junge wandte sich vom Fenster ab und starrte auf den Tisch, schließlich setzte er sich.
- Du solltest rüber gehen und deine nassen Kleider wechseln.
- Fühlen sich schon trocken an. Kann ich nun Tee haben?
Er ließ Wasser im Kocher aufbrühen, stellte zwei Schalen auf den Tisch und gab je einen Teebeutel hinein.
Dann goss er das heiße Wasser darüber. Dampfschwaden stiegen hoch.
Plötzlich stand der Junge auf, ging in den Wohnraum und öffnete die Terrassentür. Der Regen hatte aufgehört. Ein leichter Wind strich über die Gräser und versetzte sie in sanfte Wellenbewegungen. Er ging hinaus auf die Terrasse, stand eine Weile still da und ging dann Richtung Wald.
Johann folgte ihm.
Max stand im hohen Gras und blickte zu Boden. Als er neben ihm angekommen war, sah er, was die Aufmerksamkeit des Jungen geweckt hatte.  Zuerst  war  kaum  etwas  in der voranschreitenden Dämmerung auszumachen, das Blut und die herausgetretenen Gedärme machten das Erkennen schwierig, der Lichtschein vom Haus reichte kaum aus, und allmählich zeichnete sich der Körper eines Hasen ab. Er sah den Jungen an, und konnte keine Gemütsbewegung an ihm erkennen.
- Wahrscheinlich hat ihn ein Fuchs erwischt, sagte Johann.
Max zeigte keine Regung. Wieder das Läuten seines Handys, auf das er nicht reagierte. Mit den Händen in seinen Hosentaschen stand er bewegungslos da.
- Du solltest jetzt nach Hause gehen.
Johann sah zum Haus hinüber und nun trat die Frau an die Terrassentür. Sogar auf diese Distanz spürte er, dass sie ihn ansah. Sie drückte auf ihr Handy und das Läuten neben ihm verstummte.
- Da, sagt Johann und hob den Kopf in Richtung des Nachbarhauses, es macht keinen Sinn mehr auf Verschollen zu tun.
Dann ging er zum Haus zurück und wandte sich noch einmal um. Max stand immer noch neben dem toten Hasen.
- Willst du ihn begraben?
Max schüttelte den Kopf.
- Wenn du mal Lust hast, kannst du gern anklopfen.
Er schloss die Schiebetür. Schließlich stapfte der Junge quer über die Wiese auf das Haus zu.

 

Er verstaute die restlichen Lebensmittel in der Vorratskammer. Dann ging er zum kleinen Schuppen und suchte nach einer Schaufel. Der Kadaver würde andere Tiere anlocken.
An der Waldgrenze grub er ein Loch. Mit der Schaufel hob er den Kadaver hoch und trug ihn zum Loch. Rasch füllte er die Erde auf, stampfte sie dichter, und schob mit dem Schuh Reisig darüber. Für einen Moment blickte er auf die Grabstelle, als wäre er dem toten Tier eine Gedenkminute schuldig.

Ohne Konzentration saß er über seiner Arbeit. Das Piepsen der elektronischen Temperaturanzeige war wie eine Erlösung. Er klappte den Laptop zu. Ein Blick durch das Glasfenster des Backrohrs: Die Pizza sah fertig aus. Er schenkte sich ein Glas Wein ein.

 

Beim ersten Klopfen war er sich nicht sicher, beim zweiten, etwas stärkeren ging er zur Tür.
Eine Frau stand draußen und er wusste sofort, dass sie vom Nachbarhaus war.
- Ich hoffe, ich störe nicht. Ich wohne nebenan.
Sie machte eine kurze Kopfbewegung in Richtung ihres Hauses.
- Ich weiß, sagte er.
Sie hatte jugendliche Züge, aber die leichten Falten um ihren Mund ließen ihn ihr Alter auf Anfang Vierzig schätzen. Wie trügerisch heute das Aussehen des realen Alters sein konnte, dachte er.
- Kommen Sie rein.
Er gab ihr den Weg frei und sie sah hinüber zum Küchentisch.
- Nein. Sie essen gerade. Ein andermal vielleicht.
- Jetzt sind Sie schon mal da.
Er ging zum Schrank, holte einen zweiten Teller und schnitt die Pizza in der Hälfte auseinander.
Noch immer stand sie zurückhaltend und gleichzeitig vorsichtig da.
- Danke, sagte sie.
Dann hielt sie eine Weinflasche hoch.
- Ich habe was mitgebracht. Also, ... ich sage es lieber gleich: Ich wollte heute Abend nicht alleine trinken.
Ihre Ausdrucksweise irritierte ihn, als wäre es die abendliche Gewohnheit einer Trinkerin. Gleichzeitig hoffte er, dass sie seine Irritation nicht bemerkt hatte. Er hatte das Gefühl, dass es anstrengend werden würde. Er musste sie bald loswerden.
- Ich weiß, jetzt falle ich mit der Tür ins Haus. Ich bin in solchen Dingen völlig ungeschickt.
- Setzen Sie sich mal. Außerdem habe ich schon einen offen. Das wäre jetzt eine Verschwendung, noch eine Flasche ...
- Dann ist sie ein Gastgeschenk.
Sie stellte die Flasche auf den Tisch und streckte ihm die Hand entgegen.
- Lara.
Diese Förmlichkeit überraschte ihn.
- Johann, sagte er und sein Händeschütteln kam ihm ungelenk vor.
- Danke, dass Sie Max nach Hause gebracht haben. Ich hoffe, er war nicht völlig daneben.
- Nein, gar nicht.
- Er versteht es, einen, sagen wir mal nicht geraden guten Eindruck zu hinterlassen ...

Sie nahm nicht Platz, sondern griff zum Messer und schnitt sich im Stehen ein Stück von der Pizza ab, um es mit der Hand zu essen. Dann sah sie sich um, damit sie vielleicht auf Grund der herumliegenden persönlichen Dinge etwas ableiten konnte über den Mann, der hier für ungewisse Zeit eingezogen war. Ihre Selbstverständlichkeit gefiel ihm, als sie zur offenen Wohnzimmertür ging, sich vorbeugte, um das Zimmer zu überblicken.
- Irgendwie geräumiger, und vor allem gemütlicher als unser Haus.
Sie kam zurück, nahm das Glas Wein, das er eingeschenkt hatte und ging immer noch herum, als finde sie keine innere Ruhe. Beim Fenster blieb sie stehen und blickte still zu ihrem Haus.
- So schaut es von hier also aus. Das erleuchtete Zimmer, die Couch, der Tisch.
Er sah sie an.
- Keine Angst, ich beobachte Sie nicht.
Er wusste nicht, warum er das gesagt hatte. Jetzt hatte er sich erst recht einem möglichen Verdacht ausgeliefert.
- Es ist schön, sagte sie, jemandem bei seinen alltäglichen Verrichtungen zuzusehen. Von manchen Menschen geht dabei eine Ruhe aus, die einem ein Gefühl von Sicherheit gibt. Oder besser, ein Gefühl von Geborgenheit.
Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte und sie wandte sich ihm zu und lächelte. Aber es war ein unsicheres Lächeln, als wollte sie das Gesagte wieder zurücknehmen.
- Mieten Sie oft dieses Haus? fragte er.
Sie aß von der Pizza, und er sah es ihr an, dass sie nach den richtigen Worten suchte.
- Früher mal, sagte sie. Das ist schon etliche Jahre her. Manchmal treiben einen Erinnerungen zurück an gewisse Orte.
- Ich war als Kind oft hier. Wir borgten Räder aus, und ich hasste es, in dieser äußerst hügeligen Gegend Rad zu fahren.
- Ich meine andere Erinnerungen, sagte sie.
Sie wischte sich ihre Finger mit der Papierserviette ab.
- Sind Sie etwa wegen ihrer jugendlichen Radausflüge hier?
- Nicht nur. Ich könnte Ihnen viel erzählen, sagte er mit leichtem Ton, um ein wenig der beginnenden Schwere ihres Gesprächs zu entkommen.
Ihr Blick fiel auf seine Arbeit, die verstreuten Zettel, die neben dem Laptop am Esstisch lagen. Dieser Blick war nicht neugierig, aber etwas weckte einen Gedanken in ihr.
Dann wandte sie sich dem Wohnraum zu.
- Darf ich?
- Natürlich, sagte er, obwohl er nicht wusste, was sie meinte.
Sie ging zur Couch und setzte sich.
Über der Armlehne lag seine Jacke. Altes, brüchiges Leder. Kurz strich ihre Hand darüber, befühlte die Oberfläche.
In diesem Moment wollte er, dass sie blieb, dass sie die Zeit aufbrach, in der er seit Tagen festsaß.
Und aus welchem Grund auch immer, er spürte, dass es für sie ähnlich war.
Würde er den Klang ihrer Stimme behalten?
Er brachte ihr das Weinglas und setzte sich ihr gegenüber.
- Vor kurzem habe ich über etwas nachgedacht und festgestellt, dass mir etwas fehlt, eine Art Fähigkeit, den Klang von Stimmen in mir zu hören. Können Sie sich an den Klang eines einst geliebten Menschen erinnern? Ich meine, dass sie ihn in ihrem Inneren hören?
Einige Zeit saß sie still da, und es war ihr nicht anzusehen, ob sie über seine Frage nachdachte oder sich ihre Gedanken irgendwohin verloren hatten.
- Vielleicht ist es gut, wenn sich die Stimmen in einem verflüchtigen.
Ihr Gesicht wirkte mit einem Mal verändert. Diese anfänglich weichen, jugendlichen Züge hatten sich verwandelt, als hätte sich ein Schmerz in ihnen niedergelassen.
Ein Handy läutete. Sie zog es aus ihrer Jeans, sah auf das Display und lächelte kopfschüttelnd. Sie wandte sich zum Fenster. Drüben im Haus stand Max mit dem Handy am Ohr. Mit einem Tastendruck wies sie ihn ab.
- Er versteht zu nerven, sagte sie.
- Vielleicht weil er es hier wie am Arsch der Welt findet.
- Das ist nicht der Grund.
Sie nahm den letzten Schluck Wein, der noch im Glas war.
- Wie lange werden Sie bleiben? fragte sie.
- Mal sehen.
- Tut mir leid, meine Neugierde.
- Nein, gar nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Da das Haus heuer nicht mehr weitervermietet wird ...
Sie stand auf.
Er konnte nicht erkennen, was sie über seine Information dachte.
- Danke für den Wein und die Pizza.
An der Tür reichte sie ihm wieder die Hand.
- Gute Nacht, sagte sie.
- Ja, Ihnen auch.
Kurz sah er ihr nach, aber er wollte nicht aufdringlich wirken, indem er ihr länger nachblickte und schloss die Tür.
Durchs Fenster sah er sie zum Haus gehen, und bevor sie es betrat, blickte sie zu ihm herüber.

 

Draußen vor der Glasfront schien ihm der Wald jetzt näher gerückt.

Der letzte Schimmer der Dämmerung zog sich zurück. Der Tag endete. Ruhe trat ein. Die Stunde des Übergangs vom Tag in die Nacht ist eine der schönsten, dachte Johann. Er saß da,    umgeben    von    einer    ins    Abendblau getauchten Stille. Mit einem Mal der Gesang eines Vogels. Eher glich dieser Gesang einer Art Schnattern. Und dann lauschte er diesem schnatternden Erzählen bis tief in die herabsinkende Dunkelheit hinein.

 

© Helmut Wimmer 2013