HELMUT WIMMER

Textbeitrag zu ‚Koffergeschichten’
Ein Projekt von Jacqueline Kornmüller
in Kooperation mit dem Wien Museum, Ö1 und dem Dorotheum, zu Gunsten der VinziRast Notschlafstelle.

 

Sehr geehrte Frau L.!

Lange habe ich überlegt, ob ich auf Ihr Schreiben antworten soll. Darin steht, dass Sie meine Mutter gefunden hätten. Ich war über die Formulierung erstaunt, da ich sie weder als vermisst gemeldet hatte, noch hatte ich sie anderweitig suchen lassen. Überhaupt war ich mir am Anfang nicht sicher, ob Sie von meiner Mutter sprachen und ich die gesuchte Tochter sei. Sie legten ein Foto bei, mit dieser Wunde am Kopf und mit den offen starrenden Augen. Wie das Bild von einer Toten. Endlich ist es vorbei, habe ich gedacht. Damit hätte ich es belassen sollen. Ich hätte nicht weiterlesen und Ihren Brief vernichten sollen. Warum auch immer. Ich habe es nicht getan.
Später schreiben Sie, dass sie selten bei Bewusstsein sei. Und auch da sei sie nicht wirklich anwesend, wie Sie das bezeichnen. Was soll ich nun zu dieser Frau auf dem Bild sagen? Nach gut dreißig Jahren? Da verändert sich jeder Mensch. Und damals war ich noch ein Kind.
Sie sei in eine Auseinandersetzung geraten, bei der sie am Kopf schwer verletzt wurde. Was meinen Sie mit Auseinandersetzung? In gewisser Weise war sie impulsiv, aber meist war ihr alles gleichgültig. Zumindest hat man mir das später so erzählt. Und gerade mit dieser Gleichgültigkeit brachte sie über alle nur Unglück. Sie selbst miteingeschlossen.
Die Schwierigkeit ihrer Identifizierung lag daran, dass sie in den letzten Jahren keinen ordentlichen Wohnsitz hatte und, wie Sie es nennen, auf der Straße lebte. Was ich mir darunter auch immer vorzustellen habe, bei einer Frau über fünfzig. Eigentlich war sie immer eine Frau, die rasch einen Begleiter fand, jemand, der sie mit sich nahm und bei dem sie bereitwillig mitging. Ob sie da immer eine gute Wahl getroffen hat, möchte ich dahin gestellt lassen.
Sie schreiben, dass meine Mutter, auf Grund der Verletzungen, nicht fähig war, über mich oder sonst jemanden aus ihrer Verwandtschaft ausreichend Auskunft zu geben. Ist das jetzt noch von Bedeutung, ob sie sich an mich oder sonst an jemanden erinnert? Als Kind habe ich bereits für sie so gut wie nicht existiert. Wo sie für mich hätte da sein sollen, war sie es nicht. Bevor sie dann endgültig weggegangen ist. Dieses Vergessen ist doch die Folge des ganzen. Was sollte sich da im Alter noch großartig ändern.
Weiter schreiben Sie, dass die Anwesenheit einer nahen Person für sie medizinisch gesehen gut wäre. Wie soll ich mir vorstellen, neben ihr zu sitzen, die, als ich es gebraucht hätte, nicht bei mir war? Irgendwie hat sie sich doch selbst in diese Lage gebracht. Ich lebe ganz woanders und habe zwei kleine Kinder. Was sollte ich denen erzählen, über einen Menschen, der für die beiden nie existiert hat?
Meine Mutter hatte sich für ein Leben entschieden, also muss sie jetzt auch die Folgen für dieses Leben tragen.
Es mag für Sie unmenschlich und hart klingen, aber ich habe lange gebraucht, meine Kindheit und vieles andere aus dieser Zeit hinter mir zu lassen. Daran soll und wird sich jetzt nichts ändern.

Mit freundlichen Grüßen

Hannelore B.

Helmut Wimmer, Dezember 2017