HELMUT WIMMER

anderswo
von
Helmut Wimmer

Abdruck eines damals vorhandenen Lichts. Sonst nichts.

dort

Er blickt zur Seite. Wartende, hintereinander aufgereiht, leicht versetzt, ausgerichtet an der Abstand haltenden Sicherheitslinie des Bahnsteigs. Manche Köpfe nach unten geknickt, die Blicke dorthin gerichtet, wo der Daumen am Display Informationen in fast ununterbrochener Bewegung nach oben und unten scrollt.
Er schaut sich weiter um, obwohl er es nicht mehr will. Unweit ein Mann mit einer kurzen, tarnfarbengemusterten Hose. Auf der rechten Wade ein handtellergroßes Tattoo in Form eines mittelalterlichen Wappens. Unmittelbar der Versuch einer Bedeutung. Er schaut an ihm hoch, der Rücken des Anderen ihm zugewandt. Dann die Stimme aus dem Lautsprecher mit der Erklärung ungeregelter Zugzeiten.


anderswo

Ein Mann sitzt am Bettrand. Er trägt einen schlichten Anzug. Neben ihm sind am frischen Leintuch des Hotelzimmers ein Laptop und Papiere ausgebreitet. Aber darum kümmert er sich nicht. Vielmehr steckt seine rechte Hand in einer Socke, in der er seine Finger spreizt, den Stoff zu einem Froschfuß formt, diesen dreht und von beiden Seiten betrachtet. Klauenhaft zieht er seine Finger zusammen, streckt sie wieder, macht Kratzbewegungen und verzieht seinen Mund zu einem Fauchen, formt eine Faust, stopft mit der anderen Hand den Stoff zwischen die Finger und beginnt immer mehr neue Formen zu erfinden.


anderswo

Die Frau mittleren Alters trägt eine metallgefasste Brille, die den leicht gekreuzten Blick der Pupillen korrigiert. Sie sitzt an einem Cafétisch, vor sich ein Glas Bier, das sie in langsamen Schlucken trinkt. Wenn sie nicht trinkt, verdeckt ihre Hand den Mund, wobei der v-förmig abgespreizte Daumen auf ihrer Wange liegt. Dabei blickt sie fast ruhelos umher, ohne dabei etwas zu betrachten.  Mitten auf ihrer Stirn ein verwaschener, blutroter Fleck, wie aufgeschürfte Haut.


anderswo

Er ist älter geworden, aber er weiß nicht, wie sich das anfühlt. Er denkt vermehrt an den Tod, aber dieser liegt jenseits allem Vorstellbaren. Er fragt sich, von welcher Art sein Sterben einmal sein wird.

anderswo

In seiner einfachen, rhythmischen Bewegung ist das Kind ganz bei sich. Die Sprungbewegungen am Trampolin erfahren immer wieder leichte Variationen. Manchmal dreht sich sein Körper um die eigene Achse, dann beschreibt er einen gesprungenen Radius. Sein Springen dauert lange an, als wäre es pure Leichtigkeit. Manchmal murmelt es sich selbst Worte zu. Die Sprungart erfährt immer mehr Varianten. Mit einem Mal ein nachdenkliches Innehalten. Schließlich beginnt es aufs Neue.


anderswo

Mit einem Mal hat sie das Muster der Tapeten vor ihrem inneren Auge, nicht ganz genau, aber in der Art von Linienführung, eigentlich Pinselführung, wie unendlich ineinander gestülpte Vasen, mit flügelartigen Henkeln zu beiden Seiten, in den Farbtönen olivgrün bis lila mit orangen Einschlüssen. Farben, die ihr ungeeignet erscheinen, sich zwischen ihnen lebendig zu fühlen. Diese Tönungen rufen in ihr den Geruch von Herbst hervor, von nassem Laub und Kälte, in der die verwesenden schlammigen Blätter allmählich zu kristallinen Eisgebilden frieren. Sie hätte ihn jetzt gerne bei sich gewusst. Er hätte in ihr dieses drückende, nebelhafte Herbstgefühl mit einer leichten Handbewegung vertrieben und gleich mit die Schwere, die ihr der Anblick dieses Zimmers ihrer Kindheit noch immer bereitet. Aber sie hätte seine Anwesenheit hier nicht zulassen können, als könne sie nicht das Jetzt und ihre Kindheit zur Deckung bringen. Im Fenster schwingt im Luftzug sanft der transparente Vorhang, dessen Grau nicht mehr herauszuwaschen ist. Aber dieser Blick zum Fenster besänftigt sie.


anderswo

Es war ihm ein inneres Bedürfnis, alles was er an diesem Ort angefasst, in seine Hände genommen hatte, exakt an den gleichen Platz zurückzustellen oder zu schieben und sorgfältig einzurichten, damit alles wieder wie unberührt erschien. Obwohl niemand mehr kommen würde, der diese Punktgenauigkeit, diese vermeintliche Unberührtheit bestätigen oder widerlegen könnte.  Es würde auch niemand mehr kommen, der diese Dinge so anfassen würde wie er. Er wollte aus dieser Berührung eine Empfindung ableiten, der Bedeutung dieser Dinge näher kommen, den Geschichten, die sie für den Anderen in sich trugen, dem inneren Beweggrund für die Aufbewahrung über Jahre, vielleicht über Jahrzehnte hinweg, nachspüren.


anderswo

Bei ihrem Blick aus dem lebenslang bekannten Fenster liegt ein Zweifel in ihren Augen, der allmählich einen bangen Zustand annimmt. Ein Blick, dem das Bekannteste unbekannt wird. Dazwischen ein Aufflackern, hervorgerufen durch das Erinnerte, das beunruhigender ist als das Unbekannte.


anderswo

Der Mann öffnet die Balkontür,  tritt hinaus, lehnt sich an die Mauer und zündet sich eine Zigarette an. Die Stille im Innenhof des Wohnblocks. Licht hinter vereinzelten Fenstern.
In einem der spärlich erleuchteten Zimmer steht hinter dem Fenster eine junge Frau mit ihrem kleinen Kind im Arm. Für einen Moment blickt sie hinaus in die Dunkelheit. Dann verschwindet sie hinter den Rollos, die sie herunterlässt.


anderswo

Betonwände aus grauen Betonziegeln, dunkel, fast düster ist dieser Raum, infolge des spärlichen Lichts eines schmalen Fensters. Für die hinteren Ecken braucht das Auge Zeit. Feiner Staub bedeckt den herausgequollenen erstarrten Mörtel zwischen den Betonsteinen. Eine Holztür ins Freie, die mit einer Drahtschleife und Haken geschlossen werden kann. Der Boden ein poröser Estrich. Ein Raum in der Größe einer Doppelgarage, vielleicht auch ursprünglich dafür gedacht. Gegenüber der einzigen Tür ein großer Esstisch mit einer Holzbank ohne Lehne und weißen Plastiksesseln. Unter dem schmalen Fenster eine Holzplatte auf Holzböcken, darauf ein paar Teller und Tassen, mit Tüchern abgedeckt. Darunter kleine Kartons mit Kartoffeln, Gemüse, Salat, einige wichtige Gewürze, ebenfalls mit Tüchern bedeckt. An der benachbarten Wand hängen ein metallener Trog zum Auskochen von Wäsche und der dazugehörige Deckel. Unweit ein roter Plastikkübel, darüber ein Wasserhahn. Daneben ein Strohbesen ohne Stiel. Infolge der einseitigen immer gleichen Benützung sind die Strohborsten in einer schrägen Linie abgenutzt. Wie erschöpft lehnt der Besen an einem der zwei blauen Kinderplastikhocker. Später zieht das kleine Mädchen einen zu sich heran und setzt sich darauf, um den gusseisernen Herd anzufeuern, nachdem es einen Topf mit Wasser darauf gestellt hat.


anderswo

Als während des Kriegs die Menschen anfingen, die Straßen zu meiden, erzählt sie, vergruben die Anderen die Minen an den Rändern der Straße, in den Wiesen und Feldern. Jetzt, wenn sich der Tag dem Ende neigt, steht sie manchmal oben am Hügel. Ihre Füße wie jeden Tag in den alten schwarzen Arbeiterstiefeln, über dem Körper die abgetragene grüne Windjacke. Vor ihr, in der Senke, liegt die Ruine einer ehemaligen Fabrik, an der das Gestrüpp unwideruflich von den Mauerresten Besitz ergriffen hat. Dahinter, im hohen Gras, das unbekümmerte Spiel von Kindern. Über allem ein dunkler Himmel, in dem sich schwere Wolken zu einem Gewitter zusammenschieben. Manchmal geht sie ziellos, und mit jedem Schritt weicht der Horizont weiter zurück. Als sie am Rand der Straße zurückgeht, noch immer das Gefühl von Todesnähe.


anderswo

Aus der Ferne wirkt das junge Paar in dem Holzrahmen wie gemalt. Erst bei näherer Betrachtung eröffnet sich die farbige Manipulation der handcolorierten Fotografie. Die Farben haben die Fotografie derart geglättet, dass die Gesichter wie aus Wachs erscheinen. Jede räumliche Tiefe ist aus der Aufnahme verschwunden. Keine Falte ist in der Haut des etwa dreißigjährigen Paars verblieben. Besonders die Frau wirkt künstlich verjüngt. Ihr Gesicht umrahmt ein weißes Kopftuch, dessen Enden sie wie einen Schal um den Hals geschlungen hat. Auf der Stirn schwingt sich eine schmale Welle schwarzen Haars aus dem Tuch hervor. Die dunkle, wollene Jacke legt die Vermutung nahe, dass die Aufnahme im Winter entstanden ist. Darunter trägt sie eine hellblaue Bluse und wiederum darunter einen dünnen schwarz-weiß gestreiften Pullover, der fast modisch und fremd wirkt.
Ihre Augenlider senken sich leicht über die dunklen Pupillen und tauchen den Blick in einen Zustand beständiger Melancholie. Diese sanften Augen sehen den Betrachter offen an, während der Blick des Mannes auf einen fernen Punkt gerichtet wirkt. Es ist, als würde er sich damit ein wenig aus dem Paarsein lösen. Sein zugeknöpfter Hemdkragen verleiht ihm eine gewisse Strenge, die jedoch durch die abstehenden Ohren wieder gemildert wird. Bei der Aufnahme stand er hinter ihr, und somit rückt die Frau in den Mittelpunkt. In der linken Ecke des Rahmens, dort wo sich ihre rechte Schulter befindet, steckt eine kleine Farbfotografie, die wiederum diese Frau zeigt, aber Jahrzehnte später. Hier trägt sie ihr langes, noch immer tiefschwarzes Haar offen und unbedeckt. Die Melancholie ihrer Augen ist in eine Müdigkeit übergegangen. Zwei Fotos wie eine doppelgesichtige Erscheinung, die sie abrückt von den Lebenden.


anderswo

Sie zieht die Arbeitsstiefel aus und stellt sie zum Trocknen neben den Herd, den ihre kleine Tochter angefeuert hat. Sie weiß, dass er bereits da ist, denn sein Wagen steht draußen im Hof. Jetzt umarmt sie ihn, wie man einen Bruder umarmt, der in einem fernen Land lebt. Er habe etwas mitgebracht, das er zeigen wolle. Aber dafür ist die graue Betonziegelwand hier drinnen nicht geeignet. Sein neues Haus nebenan, mit der schneeweißen Fassade, ja, darauf könne er die mitgebrachten Bilder aus dem westlichen Europa projizieren. Der Mann und die Kinder stellen Sessel in die Wiese, der Bruder schließt den Beamer an. Die Kinder, die Schwester, der Mann, die Großeltern, alle versammeln sich gegenüber der schneeweißen Wand. Der Gewitterhimmel taucht die Dämmerung in eine schwere Düsternis. Als die Lampe ihr weißes Licht gegen die Wand wirft, entlädt sich der erste Blitz mit unmittelbar gefolgtem Donner. Augenblicklich erlischt die Lampe, das Kühlgebläse verstummt. Finsternis breitet sich über dem Hof aus. Nur im Raum mit den Betonziegelwänden flackert im Herd der helle Feuerschein.


anderswo

Die Ecken und Kanten sind mit harten Lederstreifen vernäht. Zusätzliche Nieten verstärken die Robustheit. Enge, parallel geführte braune Streifen, denen dünne senkrecht entgegengesetzt waren, bilden ein Muster über dem Koffer, das bereits bei geringer Entfernung zu einer schachbrettartigen Struktur verschmilzt. Die verchromten Beschläge sind trotz des Alters erstaunlicherweise rostfrei. Mit einem harten Klacken lässt er die erste Schnalle aufspringen. Bei der anderen muss er zuerst den Deckel etwas niederdrücken.  Obwohl er weder eine Ahnung noch eine Vorstellung über den Inhalt hat, ist nach dem Öffnen sofort die Erinnerung da. Die Oberfläche ist brüchig, es haben sich dunkle Inseln mit zackigen Rändern gebildet, wie die Karte eines unbekannten Kontinents. So liegt sie vor ihm, die abgetragene zweite Haut seines vergangenen Lebens. 


anderswo

Das Kind sucht das Wasser unter der dicken Eisdecke ab. Es hält nicht nach etwas Bestimmtem Ausschau, es ist die Faszination des Verschwommenen, das Erahnen des Sichtbaren, wenn in der Düsternis Pflanzen auftauchen, Algen, die still stehen, dazwischen die träge Bewegung eines Fisches. Langsam geht es weiter und hält dort wieder inne, wo das Schilf aus dem Eis ragt. Lange schaut es auf die Stelle der gläsernen Oberfläche hinunter in die dunkle Stille, bis sich zwischen langsam schwingenden Gräsern einer Wasserströmung das Gesicht eines Menschen abzuzeichnen beginnt.


anderswo

Der Windhauch, der aus dem schwarzen Tunnel gedrückt wird, kündigt das Nahen des Zuges an. Langsam steht er auf, tritt ein paar Schritte zwischen die Wartenden und blickt in diese Schwärze, aus der sich allmählich eine näher kommende Helligkeit zu lösen beginnt.