HELMUT WIMMER

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Zu den Arbeiten von ‚anderswo’
von
Jacqueline Kornmüller

 

Helmut Wimmer´s Bilderwelt ist mitfühlend. Ich bin sofort in ihr geborgen. Sie strotzt vor Einsamkeit, sie legt den Finger an die Wunde. Gerade darum vertieft sich der Blick und verweilt. Man kennt sich aus in dieser eklatanten Einsamkeit, als ob man in dieser oder jener Situation sich selbst zu anderer Zeit, an einem anderen Ort anblickt.

 

Vorliegend zeigt Helmut Wimmer ein Oeuvre von 25 Fotografien. Die Werke sind thematisch in Gruppen oder Serien gefasst. Nur wenige Werke werden einzeln präsentiert. Sein Formenrepertoire durchkreuzt sowohl die abstrakte als auch die gegenständliche Fotografie.

Seine Bilder sind behaftet mit einer Nachhaltigkeit, der wir nicht entrinnen können, die uns inhaltlich trifft und ästhetisch bettet. Eindeutig und vieldeutig zugleich
erzählt er von vor langer Zeit belebten Orten, welche die Zeit überdauert haben und immer mehr in die Stille abgleiten. Er erzählt von längst verlassenen
Kommoden, auf denen man noch als ferne Erinnerung das Duftensemble der alten Schönheitsmittel zu riechen glaubt. Daneben stehen monströse Landschaften aus Eis und Nässe oder grüne Ebenen, denen die menschliche Existenz mit ihren kläglichen Bedürfnissen Zivilisationsrückstände beistellt.

Selten sind die Räume bevölkert, meist beschäftigt sich der Blick mit der Verlassenheit oder dem Hinterbliebenen. In diesen Räumen war Leben, aber längst hat die Zeit das Leben überdauert und wir sehen nur noch die alte Hülle. Ein allein-
gelassener Koffer, ein entleerter Pool, der auf den nächsten oder übernächsten Regen zu warten scheint. Ein Schwimmer scheint nicht in Sicht.

Von 25 Fotografien sind 19 menschenleer.
Wenn sich dann doch wider Erwarten der Raum füllt, dann entweder zaghaft, wie auf dem Bild des Arbeiters mit Schaufel. In weiter Fläche - der Mensch mit seinen kryptischen Versuchen, die Natur zu definieren. Auf einem Sandfeld präpariert der Mann eine Arbeits- oder Spielfläche. Obschon in der Weite verloren, wuchtet er scheinbar vergeblich Sand.
Oder er erfindet Gruppenportraits: wie verhält sich die Gruppe, die Familie, das Ensemble? Nomadengleich stellt er sie in eine Stadtlandschaft oder schafft ihnen ein Zelt als Lebensraum abseits der gängigen Raummöglichkeiten. Seine Ensembles reisen oder warten auf einem Bahnsteig.

In Helmut Wimmer’s Blick gibt es sowohl Gleichmaß als auch Gerechtigkeit. Und immer auch etwas Unangetastetes, wie in den großflächigen nur aus Blattwerk
bestehenden Waldflächen. Undurchdringlich und licht zugleich stellen sie uns ein dichtes Gewebe gegenüber, in das wir unseren Blick versenken können, um mit
unseren eigenen Gedanken bewaffnet an anderer Stelle wieder aufzutauchen.

Gleichsam als Ergänzung und Erweiterung stellt Helmut Wimmer einige seiner Texte neben sein bildnerisches Werk. Bemerkenswert daran ist, dass die Texte den
ästhetischen Kontext der Bilder kaum berühren, sondern als neue Schicht das
Gesehene vermitteln und vertiefen.

Im Gegensatz zu seinem fotografischen Werk ist sein literarisches Werk reich bevölkert. Oft sind es Einzelne, besser Vereinzelte, die wartend und staunend beobachten was sich um sie herum ereignet. Solisten sind die eigentlichen
Protagonisten in Helmut Wimmer’s Erzählwerk. Figuren, die ins Unbewusste driften, wie der Mann, der mit seinem Socken spielt und hinterher nicht mehr sagen kann, wie lange er so da gesessen ist. Oder das trampolinspringende Kind, das mit einem Mal innehält, und dann wieder von vorne beginnt.

Zeit dehnt sich, zerstreut sich in Refugien außerhalb der Zeit, in denen sich die Möglichkeit bietet, jenseits des gängigen Erfahrungshorizonts zu begreifen oder zu fragen, was sich ereignet. Manchmal enden diese Gedankenstrecken in einem Schrecken, wie bei dem Kind, das unter dem Eis dem Tod entgegenblickt. Ein
anderes Mal taucht ein Blitzschlag einen Familienabend ins Dunkel und beendet das Spiel. Zeit ist hier „ein Blick, dem das Bekannteste unbekannt wird“, und so,
überrascht, haben wir hier die bemerkenswerte Gelegenheit in die erstaunlichen Bild- und Gedankenwelten von Helmut Wimmer abzugleiten.